Dr. Volkmar Schön
Christoph Unger
Prof. Peter Höppe

Fluten, Dürre, Stürme – sind wir vorbereitet?

Dialogforum am 3. März 2015

Naturkatastrophen treten häufiger und intensiver auf als früher. Umso wichtiger ist es, Menschen zu schützen. Wo muss die Katastrophenvorsorge verbessert werden, um Risiken zu verringern? Brauchen wir ein anderes Krisenmanagement? Antworten darauf gaben auf dem dritten Dialogforum 2015 Dr. Volkmar Schön, Vize-Präsident des Deutschen Roten Kreuzes (DRK), Christoph Unger, Präsident des Bundesamtes für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BBK) sowie Prof. Peter Höppe von Munich Re.

Der NatCatSERVICE von Munich Re, die umfassendste Datenbank aller Naturkatastrophen der vergangenen Jahrzehnte, zeigt, wie sich die Gefährdungslage weltweit verändert hat. „Seit 1980 hat die Zahl der Naturkatastrophen von gut 300 pro Jahr auf knapp 1000 zugenommen“, erläuterte Peter Höppe, der bei Munich Re den Bereich Geo Risks Research/Corporate Climate Centre leitet. Stürme und Fluten verursachen mit jeweils rund 40 Prozent die meisten Schäden. „Die Hauptgefahr kommt also aus der Atmosphäre.“ Und während geophysikalische Ereignisse wie Erdbeben relativ konstant bleiben, ist der steigende Trend bei wetterbedingten Katastrophen unverkennbar. „Das ist ein Indiz dafür, dass die Veränderungen der Atmosphäre - wie der zunehmende CO2-Ausstoß - die Gefährdungslage verändert haben.“

Wachsende Intensität
Die Verteilung der Schäden erstreckt sich quer über den Globus, mit Schwerpunkten in Südostasien, aber auch in Europa und Nordamerika. Gleichzeitig hat die Intensität der Ereignisse zugenommen. So war die Hitzewelle 2003 mit 70.000 Opfern die tödlichste Naturkatastrophe in Europa der vergangenen Jahrhunderte. Hurrikan Katrina, der im August 2005 über New Orleans fegte, hinterließ den weltweit größten wirtschaftlichen und versicherten Schaden infolge einer wetterbedingten Katastrophe. Und Supertaifun Haiyan vom November 2013 erwies sich mit Böen von bis zu 380 km/h als einer der stärksten tropischen Wirbelstürme aller Zeiten. Während Industriestaaten vor allem hohe finanzielle Schäden tragen müssen, sind ärmere Länder – wie von der Weltbank definiert – ganz anders betroffen: Hier ist das Leben der Menschen bedroht. Auf sie entfallen 84 Prozent aller Todesfälle durch Naturkatastrophen weltweit.

Dass die Zahl der Opfer in den letzten Jahren gesunken ist, kann ein Zeichen dafür sein, dass Prävention wirkt. Wie viel man mit richtigen Maßnahmen und den nötigen Mitteln erreichen kann, belegt das Beispiel Hamburg: Dort sind nach der verheerenden Sturmflut 1962 keine größeren Schäden mehr aufgetreten, obwohl seitdem bei neun Flutereignissen höhere Pegel gemessen wurden.

Zusammenarbeit mit lokalen Partnern
Wie man auf internationaler Ebene erfolgreich Katastrophenvorsorge leistet, erläuterte Volkmar Schön vom DRK: „Nötig ist ein integrativer Ansatz, der die staatlichen und zivilgesellschaftlichen Akteure besser vernetzt und die unterschiedlichen Selbstschutzfähigkeiten der Menschen vor Ort berücksichtigt.“ Angesichts der wachsenden Gefährdung ist das DRK davon überzeugt, dass es nicht ausreicht, erst im Katastrophenfall aktiv zu werden. Der Schlüssel liegt darin, schon vorher mit lokalen Partnern zusammenzuarbeiten, die als eigentliche Projektträger fungieren. Zudem muss man die Menschen vor Ort einbeziehen. „Die Vorsorgeprojekte müssen der jeweiligen Kultur angepasst sein“, forderte der DRK-Vizepräsident. Und wo Vorsorge allein nicht ausreicht, wie etwa in Bangladesch, müsse man den Menschen Möglichkeiten bieten, sich im Katastrophenfall in Sicherheit zu bringen. Schön bemängelte, dass Frühwarnsysteme nicht ausreichend genutzt werden. „Bei der Hungersnot 2011 am Horn von Afrika gab es bereits lange vorher Anzeichen, dass sich die Dürre intensiviert.“ Getan wurde jedoch zu wenig. Große Spendenaufrufe waren erst dann erfolgreich, als nach der Dürre der große Hunger kam.

In Deutschland, wo Naturkatastrophen relativ selten auftreten, ist die Bevölkerung oft unvorbereitet. Das hat sich zuletzt beim Elb- und Donauhochwasser von 2013 gezeigt. Sorgen bereiten vor allem die mittelbaren Schäden. „Das BBK glaubt, dass ein ausgedehnter und längerer Stromausfall in unserer technisierten Gesellschaft schlimmere Folgen hätte als die Schäden aus einer Naturkatastrophen selbst,“ gab Christoph Unger, der Präsident der Behörde, zu bedenken. Deutschland verfügt zwar über einen effizienten Katastrophenschutz, für den uns viele Länder beneiden. Das gilt insbesondere für das ehrenamtliche System mit den rund 1,7 Millionen Helfern, etwa bei der Feuerwehr. Das kleinteilige System mit exakter Kompetenzverteilung zwischen Bund, Ländern und Gemeinden stößt allerdings bei längeren Einsätzen rasch an seine Grenzen. Unger mahnte deshalb eine bessere Zusammenarbeit auf den unterschiedlichen Ebenen an.

Auf alle Eventualitäten vorbereiten
Probleme bereitet zudem die demografische Entwicklung. „Es gibt Regionen in unserer Republik, in denen die Freiwillige Feuerwehr nicht mehr genug Mitstreiter findet.“ Und auch die Wehrstrukturreform bleibt nicht ohne Folgen. „Heute gestaltet es sich schwieriger, Bergepanzer für die Bekämpfung von Waldbränden zu organisieren“, erklärte der Experte für Bevölkerungsschutz. Neben einem flächendeckenden und schnellen Warnsystem – vermehrt über Internet und Handy – hält Unger es für wichtig, dass die Menschen wieder mehr Verantwortung im Katastrophenfall übernehmen. „Die Erwartung, dass Hilfe jederzeit verfügbar ist, kann sich bei Großereignissen schnell als Irrglaube erweisen.“ Grundsätzlich sollte jeder auf alle Eventualitäten vorbereitet sein. „Dazu gehört, ausreichend Wasser und Nahrungsmittel für etwa zwei Wochen vorzuhalten.“

Doch wie kann man den ärmsten Ländern helfen, sich im Katastrophenfall besser zu schützen? Wichtige Impulse liefert der gemeinsame UN-Rahmenaktionsplan (Hyogo Framework for Action, HFA). Er wurde 2005 beschlossen, die Fortsetzungskonferenz findet in der dritten Märzwoche 2015 in Sendai, Japan, statt. Dort treffen sich weltweit für den Katastrophenschutz zuständige Verantwortliche und diskutieren Maßnahmen, um Risiken zu reduzieren. Problematisch ist, dass die Vereinbarungen nicht verpflichtend sind. Die Länder müssen keine spezifischen Vorgaben erfüllen. „Bei den ideellen Zielen gibt es keinen Streit. Aber wenn es um die Frage geht, wer in welchem Umfang finanzielle Mittel bereitstellen soll, weicht der Konsens rasch auf“, erläuterte Schön. Das DRK verwendet daher einen Teil der Spenden für Katastrophenvorsorge sowie für langfristige Vorsorgeprojekte.

Versicherung als wirksames Instrument
Eine anderer Ansatz besteht darin, für die am stärksten gefährdeten Menschen in den Entwicklungsländern eine Versicherungslösung zu entwickeln. „Das würde sie in die Lage versetzen, nach Extremereignissen schneller wieder auf die Beine zu kommen“, erklärte Höppe. Denn selbst wenn wir enorme Summen für die Katastrophenvorsorge aufwenden, lassen sich nicht alle Schäden vermeiden. Naturkatastrophen können nie ganz beherrscht werden. Die Industrieländer sollten eine Basisversicherung subventionieren, da sie aufgrund ihrer umfangreichen CO2-Emissionen in der Vergangenheit eine Mitverantwortung für die Häufung von wetterbedingten Naturkatastrophen tragen. „Wir sind nah dran an der Realisierung eines solchen Systems. Das wird beim G7-Gipfel auf Schloss Elmau im Juli dieses Jahres als eines der Topthemen diskutiert werden“, sagte Höppe.

Es zeigt sich also: Auch wenn die Katastrophenvorsorge große Fortschritte erzielt hat, gibt es jede Menge zu tun. Denn wenn sich der Trend der vergangenen Jahrzehnte fortsetzt, müssen wir künftig noch häufiger mit großen Naturereignissen rechnen.

Das nächste Dialogforum findet am 14. April 2015 zum Thema „Arme reiche Welt – faire Chancen für alle?“ statt.

CB, 6. März 2015