Claudia Roth
Sabine Nallinger
Frithjof Finkbeiner

Tu was! Über Macht und Ohnmacht des Einzelnen

Dialogforum am 6. Mai 2015

In den vergangenen Jahren haben sich Klima-, Armut- und Flüchtlingskrisen zugespitzt. Immer mehr Menschen wollen der weiteren Entwicklung nicht tatenlos zusehen, sondern sich für mehr Gerechtigkeit engagieren. Kann der Einzelne etwas bewirken? Und wo den Hebel ansetzen, um die globalen Probleme zu lösen? Dieser Frage gingen auf dem letzten Dialogforum 2015 die Vizepräsidentin des Deutschen Bundestags, Claudia Roth, Sabine Nallinger von der Stiftung 2° und der Begründer der Global Marshall Plan Initiative, Frithjof Finkbeiner, nach.

Wie sehr die Welt aus den Fugen geraten ist, lässt sich an den globalen Flüchtlingsströmen ablesen. „Infolge der humanitären Großkatastrophen erleben wir mit offiziell registrierten 57 Millionen Flüchtlingen die höchste Zahl seit dem zweiten Weltkrieg, und da sind Klimaflüchtlinge noch gar nicht mitgezählt“, erklärte Claudia Roth. Doch es wäre völlig falsch, sich angesichts der vielen Krisen dem weit verbreiteten Gefühl der Ohnmacht hinzugeben. Vielmehr müsse man fragen, was der Einzelne unternehmen könne. Aufgabe der Politik sei es, den Menschen die Probleme verständlich zu machen und zu erläutern, wo individuelle Partizipation möglich ist. „Eine Anti-Atomkraft-Bewegung in den 1970ern zu mobilisieren war einfacher, weil jeder unmittelbar verstanden hat, worum es geht. Dagegen ist es wahnsinnig schwierig, die Klimakrise zu emotionalisieren, weil sie für viele so weit weg und schwer greifbar ist“, stellte Roth fest.

Rückzug ins Biedermeier
Diese Überforderung führt dazu, dass sich viele Menschen in eine Art „Bionade-Biedermeier“ zurückziehen und ein ökologisch korrektes Leben ohne großes  bürgerschaftliches Engagement führen. „Wo ist der Impuls, etwas zu ändern, wo der Protest, wo der Wille, sich einzumischen“, beklagte die Bundestags-Vizepräsidentin und Mitglied der Fraktion von Bündnis 90/Die Grünen. Sie fügte hinzu: „Das ist etwas, was wir uns angesichts der Situation nicht leisten können.“ Man dürfe sich nicht erdrücken lassen von den Katastrophen, sondern müsse sich auch im eigenen Interesse für Veränderungen einsetzen und Verantwortung übernehmen.

„Ich glaube, wir haben eine 25-prozentige Chance, die Welt zu retten, was nicht schlecht ist, wenn man keine Alternative hat“, lautet die Einschätzung von Frithjof Finkbeiner. Anders als einige seiner älteren Kollegen im Club of Rome, die in Zynismus über den Zustand der Welt verfallen sind, hat er sich seinen Optimismus bewahrt. Auch wenn keiner genau vorhersagen kann, wie stark der Klimawandel unser Leben verändern wird und wie wir mit den erwartet 200 Millionen Klimaflüchtlingen umgehen sollen, die bis 2050 auf uns zukommen. „Wir haben gute Chancen, etwas zu verändern, wenn mehr Menschen auf die Straße gehen und wir eine kritische Masse erreichen. Kommt dann noch ein Ereignis als Katalysator hinzu, wie Fukushima bei der Atomdebatte, dann können Veränderungen plötzlich sehr rasch vonstattengehen“, hofft der Koordinator der Global Marshall Plan Initiative, einer Plattform, die sich für eine gerechte Weltordnung einsetzt.

Verharmlosungen erkennen
Allerdings dürfe man die Gegner von Veränderungen nicht unterschätzen. Sie würden oft sehr subtil mit Begriffen hantieren. „In den USA erachten 13 Prozent der Befragten den Begriff Klimawandel für weniger gefährlich als den Begriff Klimaerwärmung, obwohl es auf das Gleiche hinausläuft,“ führte Finkbeiner als Beispiel an. Viele Menschen seien aus Bequemlichkeit und Ignoranz ganz froh, wenn Ihnen jemand vorgaukelt, es sei alles nicht so schlimm.

Wie stark der Widerstand gegen Veränderungen sein kann, hat Sabine Nallinger am eigenen Leib erfahren, als sie als Stadträtin der Grünen in München eine Solarinitiative auf den Weg gebracht hat. „Trotz Unterstützung von Oberbürgermeister Christian Ude hat uns die Verwaltung große Steine in den Weg gelegt. Heute weiß ich, dass man alle Interessensgruppen bei einer Neuerung mitnehmen und deren Ängste ernst nehmen muss“, räumt Nallinger ein, die jetzt der Stiftung 2°, einer Unternehmerinitiative für Klimaschutz, vorsteht. Um Veränderungen anzustoßen, brauche es nicht unbedingt Verbote, sondern die richtigen Angebote. Als Beispiele nannte sie CarSharing oder Bioläden, die sich wachsender Popularität erfreuen.

Kleine Schritte – große Wirkung
Doch warum sollte sich jemand für nachhaltigen Klimaschutz einsetzen, wenn in unserer Gesellschaft vor allem solche Menschen hohe Anerkennung genießen, die die Welt ausbeuten und viel Geld damit verdienen? „Ich bin der festen Überzeugung, dass wir an Lebensqualität gewinnen, wenn wir uns umsichtig verhalten und für eine nachhaltige Welt eintreten“, glaubt Nallinger. Möglichkeiten dazu gebe es genug. „Jeder kann wählen gehen, sich politisch engagieren und beim Konsum oder der Geldanlage seine Macht als Verbraucher einsetzen.“ Selbst kleine Schritte oder Initiativen wie „Call a Bike“ können Anstoß zu größeren Veränderungen geben.

Dass es nicht primär um Verzicht geht, machte Roth klar: „Wir müssen Wachstum und Reichtum anders definieren, und auch die Art, wie wir wirtschaften und produzieren“, forderte sie. Falsch wäre es dagegen, unsere Erkenntnisse paternalistisch anderen Ländern aufzwingen. „Wir müssen anfangen, eine Vorreiterrolle zu übernehmen und in Verantwortung versuchen, bewusst zu leben,“ regte sie an. 

Viel Platz für Bäume
Wesentlicher als Verzicht ist, dass wir die Politik dazu bringen, die richtigen Rahmenbedingungen zu setzen, so Finkbeiner. Etwa um den CO2-Ausstoß von Autos zu limitieren. Eine konkrete Sache, die jeder sofort angehen könnte, ist einen Baum zu pflanzen. „Das sind die einzigen Kohlenstoffspeicher, die multiplizierbar sind. Da hat keiner eine Ausrede, nicht mitzumachen“, stellte er klar. Zum Beispiel kann man eine Organisation unterstützen, die Bäume mit Spenden in subtropischen Gebieten pflanzt. Dort können Pflanzen besonders viel Kohlenstoff speichern. „Eine Studie der Universität Yale hat ergeben, dass weltweit Platz für 1.000 Milliarden Bäume vorhanden ist, die etwa ein Viertel des menschgemachten CO2-Ausstoßes binden könnten.“ Daneben könne man sich im Internet über zahllose Organisation wie Greenpeace oder den WWF informieren und Möglichkeiten für ein Engagement eruieren.

Mehr direkte Demokratie  - auch in der Bundespolitik - ist eine Option, die sich beide Grünen-Politikerinnen wünschen. „Wenn man weiß, dass die Bürger letztlich darüber abstimmen, muss die Politik den Menschen viel genauer erklären, worum es geht“, erläutert Roth. „Bei wichtigen Entscheidungen müssen  wir die Bürger stärker einbinden“, ergänzte Nallinger und hatte einen Tipp für engagierte Bürger. „Wenn Sie etwas verändern wollen, dann geben Sie sich eine Vision und verfolgen diese Schritt für Schritt. Damit kann man weit kommen und oft etwas bewegen.“ 

An Möglichkeiten, sich für eine gerechtere Welt einzusetzen, mangelt es nicht. Und auch wenn jeder Einzelne selbst nur einen kleinen Beitrag leisten kann, haben wir, wenn wir gemeinsam agieren,  eine gute Chance, Verbesserungen anzustoßen. Davon profitieren künftige Generationen!


CB, 8. Mai 2015