Moderator Patrick Illinger befragte Dr. Thorsten Klose, Prof. Annegret Thieken, and Prof. Peter Höppe.
Die Studenten der Hochschule für angewandte Wissenschaften lauschen interessiert.

Rettet die Welt! Sind wir vorbereitet?

Dialogforum am 21. Mai 2015, Hochschule München

Über die vergangenen Jahrzehnte hinweg sind Naturkatastrophen häufiger und stärker geworden, die Schäden erreichen immer größere Ausmaße. Verantwortlich dafür ist auch der Klimawandel. Umso wichtiger ist es, dass sich die Menschen für künftige Katastrophen wappnen. Möglichkeiten dazu erläuterten auf dem Dialogforum in der Hochschule München Prof. Annegret Thieken von der Universität Potsdam, Dr. Thorsten Klose vom Deutschen Roten Kreuz und Prof. Peter Höppe von Munich Re.

Der Trend ist unverkennbar: „Seit 1980 hat sich die Zahl der jährlichen Naturkatastrophen von etwa 350 auf 1000 verdreifacht“, erklärte Höppe, der sich dabei auf die in den vergangenen Jahrzehnten von Munich Re aufgebaute Datenbank stützt. Sie zeigt, dass bei den mehr als 35000 weltweit erfassten Schadenereignissen vor allem wetterbedingte Katastrophen wie Stürme, Überschwemmungen oder Extremtemperaturen auf dem Vormarsch sind. Vieles deutet darauf hin, dass die Menschheit mit der zunehmenden Emission von Treibhausgasen wie CO2 diese Entwicklung forciert. „Wir befinden uns in der wärmsten Phase seit Beginn der Temperaturaufzeichnungen“, gab Höppe zu bedenken. Nach dem Rekordjahr 2014 waren die ersten Monate 2015 erneut außerordentlich warm, sodass der Leiter des Bereichs Geo Risks Research beim Rückversicherer Munich Re hinterherschickte: „Ich wage zu wetten, dass 2015 das Vorjahr noch toppen wird.“

Strom der Klimaflüchtlinge wächst
Er hofft, dass diese Entwicklung die Verhandlungen auf der UN-Klimakonferenz in Paris Ende des Jahres beflügeln wird. Denn die Folgen der Erwärmung sind dramatisch. Häufigere und stärkere Wetterextreme werden die Schäden und ihre Variabilität erhöhen, die Zahl der Todesopfer wird weiter steigen. Nicht zuletzt wird der Klimawandel mit der zunehmenden Migration aus den Katastrophengebieten auch zu einem Sicherheitsthema.

Dies ist eine Herausforderung, der sich auch das Deutsche Rote Kreuz stellen muss. Bereits heute betreut die Organisation rund 280 Projekte in 45 Ländern, die von der Nothilfe bis zum Wiederaufbau und der langfristigen Entwicklungszusammenarbeit reichen. „Unser Fokus liegt auf der Katastrophenvorsorge, eben weil die Naturkatastrophen zunehmen“, erläuterte Klose, der im Generalsekretariat des DRK als Referent für Katastrophenvorsorge und Klimaanpassung arbeitet. „Es geht darum, frühzeitig einen entwicklungsorientierten Ansatz zu verfolgen und zu überlegen, wo wir eigentlich hinwollen.“ Dabei kommt es darauf an, staatliche und zivilgesellschaftliche Akteure miteinander zu vernetzen und möglichst reibungslose Übergänge zwischen den unterschiedlichen Arbeitsbereichen wie Gesundheit, Ernährung, Wasserversorgung oder Hygiene zu schaffen. Ziel ist die Stärkung der Resilienz der lokalen Bevölkerung.

Frühwarnungen konsequent nutzen
Als nationale Hilfsgesellschaft kommt dem Roten Kreuz eine Sonderrolle zu, indem es verpflichtet ist, die Behörden im humanitären Bereich zu unterstützen, wenn diese an ihre Kapazitätsgrenzen stoßen. Als große Schwachstelle beim Thema Klimawandel sieht Klose die unzureichende Nutzung von wissenschaftlichen Informationen über Extremwetterereignisse. Das humanitäre System reagiert in der Regel viel zu langsam und meistens erst dann, wenn die Katastrophe eingetreten ist. „Wir müssen Frühwarnungen vermehrt nutzen, auch wenn Unsicherheiten bestehen“, forderte Klose.

In Deutschland mangelt es nämlich nicht an Informationen, dafür fehlt jedoch häufig die Verknüpfung zur individuellen Vorsorge. Die Flut im Sommer 2002 hat zwar vielen Menschen die Augen für mögliche Risiken geöffnet. „Aber wenn man die Hochwasserkatastrophe von 2013 analysiert, kann man schon ins Grübeln kommen, ob wir tatsächlich aus Schaden klug geworden sind“, bilanzierte Thieken. Immerhin wurden im Jahr 2005 Gesetzesänderungen zum Hochwasserschutz verabschiedet und auch die EU hat mit einer Richtlinie zum Hochwasserrisikomanagement reagiert. Gleichzeitig wurde der Katastrophenschutz verbessert, und mit der Gründung des Bundesamts für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe verfügt Deutschland nun über eine Institution, in der alle Informationen im Katastrophenfall zusammenlaufen.

Risiko Stromausfall
Kritisch sah Prof. Thieken, dass sich die Behörden beim Flächenausweis zu sehr auf Schutzeinrichtungen verlassen. „Deiche können brechen, sie bieten keinen absoluten Schutz“, warnte sie. Deshalb sollten die inzwischen teilweise strengeren Bauauflagen auf diese Gebiete ausgeweitet werden. Auch den Hochwasserpass, mit dem sich Hausbesitzer in ganz Deutschland ein Bild über ihr individuelles Überschwemmungsrisiko machen können, hält sie für ein geeignetes Instrument. Weitgehend unvorbereitet sei die Bevölkerung für einen längeren Stromausfall. „Jeder Haushalt sollte Lebensmittel und Getränke für zwei Wochen vorhalten, die meisten haben höchstens Vorräte für zwei bis drei Tage“, bemängelte die Professorin für Naturgefahrenforschung an der Universität Potsdam. 

Wenn es um die Begrenzung des Klimawandels geht, sind zwar alle individuellen Anstrengungen zu begrüßen. „Ohne gesetzliche Regelung geht es aber nicht“, war Thieken überzeugt. Allerdings mahlen die politischen Mühlen langsam, weshalb viele Städte und Gemeinden inzwischen eigene Klimaschutzprogramme auflegen. Denn soll der Klimawandel uns nicht entgleiten, darf die Temperatur gegenüber der vorindustriellen Zeit nicht um mehr als zwei Grad ansteigen. „Momentan sind wir auf einem Pfad, der in Richtung vier bis fünf Grad geht“, warnte Höppe. Die nötige Reduktion der CO2-Emissionen auf nahe Null bis 2050 ist nicht absehbar. Immerhin hat ein Umdenken in Industrie und Wirtschaft eingesetzt. China beispielsweise hat 2014 erstmals weniger Kohle verbraucht als in den Vorjahren. „Es bestehen gute Chancen, dass in Paris erstmals alle Unterzeichnerstaaten der UN-Rahmenkonvention verbindliche Verpflichtungen zur Verringerung des CO2-Ausstoßes eingehen“, meinte Höppe.

Eine reine Absichtserklärung ist das im März verabschiedete „Sendai Framework“ zur Reduzierung von Katastrophenrisiken. Es bietet Instrumente für das Risikomanagement und soll die Auswirkungen von Naturkatastrophen begrenzen. „Die Verhandlungen waren sehr zäh“, berichtete Klose. Aber es wurden erstmals Ziele wie die Reduktion von Katastrophenschäden und Todesfällen formuliert, die zumindest einen gewissen Druck auf die Regierungen ausüben.

Versicherungslösungen voranbringen
Um den betroffenen Menschen in den Entwicklungsländern das Leben zu erleichtern, hat Munich Re vor zehn Jahren die „Munich Climate Insurance Inititative“ auf den Weg gebracht. Besonders in Ländern mit geringer Versicherungsdichte sollen sich die Menschen besser schützen können und Katastrophen auch materiell überstehen. Die Aktivitäten der MCII umfassen das aktive Einbringen von Lösungsansätzen in die Klimaverhandlungen sowie die Gründung und Entwicklung eines Pilot-Versicherungsprogramms in der Karibik. „Ich bin optimistisch, dass der G7-Gipfel Anfang Juni in Elmau Beschlüsse fasst, die Versicherungslösungen für arme Länder gegen Wetterkatastrophen voranbringen“, meinte Höppe.

Wenn sich Naturkatastrophen schon nicht verhindern lassen, so gibt es zumindest einen Hoffnungsschimmer, dass Menschen auch in den Entwicklungsländern künftig bessere Chancen zur Bewältigung der Folgen haben. Doch bis dahin ist es noch ein weiter Weg, und wenn man lediglich das fortschreibt, was heute passiert, liegt das Ziel in weiter Ferne. 


CB, 27. Mai 2015