CO2 braucht einen angemessenen Preis - Münchner Konzerne für den Klimaschutz

Der Klimawandel geht alle an: Politik, Wirtschaft und Konsumenten. Unter dem Motto „Münchner Konzerne für den Klimaschutz“ lud die Münchener Rück Stiftung Vertreter von BMW, Munich Re und Siemens zum Expertengespräch. Bei allen drei Firmen steht das Thema weit oben auf der Agenda.

Jedes Jahr weist der Klimaherbst München auf die Verantwortung hin, die wir alle haben. Unter dem Motto „Politik. Macht. Klima. und wir?“ hat der Verein Netzwerk Klimaherbst e.V. auch im Oktober 2015 mehr als 60 Ausstellungen, Filme, Exkursionen, Vorträge und Diskussionen organisiert. Die Münchener Rück Stiftung beteiligte sich am 20. Oktober mit einer Podiumsdiskussion.

Klimaschutz auf der Agenda
„Für uns ist Klimawandel ein strategisches Thema“, eröffnete Prof. Peter Höppe, Leiter der GeoRisikoForschung und des Corporate Climate Centre von Munich Re den Abend. Das Unternehmen hat bereits 1973 publiziert, dass mit dem Klimawandel die Probleme zunehmen werden, lange bevor die Vereinten Nationen in diese Richtung gedacht haben. Munich Re hat ein ureigenes Interesse, den globalen Temperaturanstieg soweit es geht einzudämmen, denn: „90 Prozent der weltweiten versicherten Schäden durch Naturkatastrophen entstehen heute bei wetterbedingten Katstrophen.“ Und hier wird der Klimawandel wirken. Durch höhere Meerestemperaturen geraten mehr Wasserdampf und damit mehr Energie in die Atmosphäre. Höppe ist überzeugt: „Das wird Gewitter, Wirbelstürme und Überschwemmungen sicher beeinflussen.“


Alexander Rossner (rechts) moderierte die Veranstaltung "Münchner Konzerne für den Klimaschutz".

Der Moderator Alexander Rossner, Vorstandsmitglied im Netzwerk Klimaherbst e.V., nannte als eine wichtige Ursache der Klimaerwärmung die Nutzung fossiler Brennstoffe in Industrie und im Verkehr. Ursula Mathar, Leiterin der Abteilung Nachhaltigkeit und Umweltschutz in der BMW Group, verwies dagegen auf jüngste Erfolge in der Autoindustrie. „BMW arbeitet mit Nachdruck an der Reduzierung der Emissionen – in der Produktion und in der Flotte. Bereits 45 BMW-Modelle liegen unter 120g CO2/km, elf Modelle sogar unter 100 Gramm CO2/km.“ Zentrale Größe sei der Gesamtausstoß über die Lebenszeit eines Kfz , nicht der reine Ausstoß bei der Produktion im Werk.

CO2-Emissionen
Das sieht auch Ralf Pfitzner, Vice President Sustainability – Resource and Energy Efficiency der Siemens AG, so. Die Emissionen bei der Herstellung sind nur eine Seite der Medaille. Die CO2-Emissionen von Siemens betragen weltweit rund 2,2 Megatonnen, das entspricht etwa 25 Prozent des Ausstoßes der Stadt München. „Wir wollen unsere Emissionen bis 2020 halbieren, bis spätestens 2030 wollen wir klimaneutral sein.“ Wichtiger ist aber auch hier der Schadstoffausstoß in der Nutzungsphase. „Deshalb hat die Steigerung der Energie-Effizienz für uns allerhöchste Priorität,“ unterstrich Pfitzner. Siemens profitiert von der Debatte. „Klimaschutz und Nachhaltigkeit eröffnen neue Geschäftsfelder.“ Die technische Expertise ist von großer Bedeutung, z. B. bei der Energiewende. Am wichtigsten ist hier der effiziente Netzausbau. „Siemens hat bei der mittlerweile erfolgreichen Anbindung der Offshore-Windanlagen an das deutsche Stromnetz eine tragende Rolle gespielt und viel investiert.“

Die Energiewende ist ohne E-Mobilität nicht vorstellbar. Es geht auch darum, alte Produktionsweisen zu verlassen und auf neue Pfade einzulenken. „Wir engagieren uns schon heute sehr erfolgreich im Car-Sharing mit DriveNow, nicht nur in Europa“, sagte Ursula Mathar. Die Gesellschaft muss sich aber darauf einstellen, dass die Mobilität der Zukunft generell anders aussehen wird als heute: „Apps werden uns den günstigsten, schnellsten und umweltschonendsten Weg von A nach B vorschlagen.“ Alternative Modelle zum Individualverkehr mit dem eigenen Auto werden reifen. Professor Höppe plädierte für umweltschonende Mobilität und gab zu bedenken: „Es stellt sich schon die Frage, ob wir nur zum Vergnügen mit riesigen Kreuzfahrtschiffen reisen müssen. Gerade wenn man weiß, dass diese immer noch mit Schweröl fahren, und der Schiffsverkehr gleichviel zum CO2 -Ausstoß beiträgt wie die Luftfahrt.“

Wer bestimmt die Trendwende?
„Wenn der Klimaschutz ökonomische Vorteile bringt, warum schwenken Konzerne wie BMW und Siemens nicht vollständig und sofort auf grüne Produkte um?“, wollte Alexander Rossner wissen. Sowohl Pfitzner als auch Mathar sind sich einig, dass jede neue Technologie Jahre braucht, um sich zu etablieren. Investitionen müssen durch profitable Geschäftsbereiche erwirtschaftet werden, sonst kann ein Unternehmen langfristig nicht überleben. Wenn Produkte nicht rentabel sind, haben sie langfristig wenig Chancen – das gilt auch für Projekte im Kontext Klimaschutz. Deshalb muss ein Unternehmen abwägen, wann es welches Geschäftsmodell aufgibt oder ersetzt.

Die Konsumenten spielen ebenfalls eine große Rolle. Ihre Entscheidungen sind nicht immer rational. Aber soll man Menschen deswegen zwingen, der Umwelt zuliebe auf Mobilität zu verzichten? Wenn wir hier zu stark eingreifen, stören wir nicht nur die Wettbewerbsfähigkeit, wir schränken auch die Entscheidungsfreiheit und Lebensqualität jedes Einzelnen ein, sind sich die Referenten sicher. – Auch der Flug- und Schiffsverkehr müsste viel strenger bei Reduktionsregulierungen berücksichtigt werden. 


Prof. Peter Höppe (Munich Re), Ursula Mathar (BMW Group) und Ralf Pfitzner (Siemens) erklärten, welche Rolle ihre Firmen im Klimaschutz übernehmen.

Klimafreundliche Investitionen als Schlüssel
Was kann man aber schnell und relativ unkompliziert schon heute tun? Professor Höppe hat darauf eine klare Antwort: „Investitionen sind ein wichtiger Hebel für mehr Klimaschutz. Die Versicherungsindustrie ist nach den Pensionskassen der weltweit zweitgrößte Investor.“ Ziehen Investoren Kapital aus nicht-nachhaltigen Bereichen ab und investieren zunehmend in klimafreundliche Unternehmen, können sie enorme Änderungen bewirken. „Munich Re will in absehbarer Zeit acht Milliarden Euro in innovative Technologien wie erneuerbare Energiesysteme und auch die dazugehörige Infrastruktur investieren.“

Ein politischer Rahmen muss gesetzt werden
Die Privatwirtschaft kann in vielerlei Hinsicht positiven Einfluss nehmen. Dazu muss die Politik einen entsprechenden Rahmen vorgeben. Alle Referenten sind sich einig, dass CO2 einen angemessenen, deutlich höheren Preis haben sollte. „Das Beste wäre die Einführung eines globalen Emissionshandels, aber davon sind wir leider weit entfernt“, konstatierten die Experten. Dass auf dem kommenden Weltklimagipfel COP 21 im Dezember in Paris ein globales Klimaschutzabkommen verabschiedet wird, stellte auf dem Podium niemand in Frage. Unsicher ist aber, ob das Klimaabkommen von Paris wirkungsvoll sein wird - oder sich einmal mehr als zahnloser Tiger erweist.

CB, 27. Oktober 2015