Junge Wissenschaftler und Entrepreneure für den Klimaschutz

Dialogforum spezial "Klimaherbst 2016"

Welche Rolle spielen Innovationen im Klimaschutz? Mit dieser Frage haben wir uns auf dem Dialogforum spezial „Junge Wissenschaftler und Entrepreneure für den Klimaschutz“ am 20. Oktober 2016 auseinander gesetzt. Das Forum fand im Rahmen des 10. Münchner Klimaherbstes statt.

Alle gesellschaftlichen Gruppen sind gefordert, wenn man den Klimawandel stoppen will. Während die Politik die Rahmenbedingungen setzt, ist es an Wirtschaft und Zivilgesellschaft, mit ihrem Verhalten die Energiewende voranzutreiben. Ein innovatives Beispiel liefert der Strom- und Gasversorger Polarstern. „Wir waren 2011 die Ersten, die 100 Prozent Ökogas auf den Markt gebracht haben“, erinnert sich Gründer und Geschäftsführer Jakob Assmann. Auf Naturstrom alleine zu fokussieren, reichte Polarstern nicht aus. Schließlich benötigt ein Haushalt rund 80 Prozent der Energie für Heizung und Warmwasser. 


Auf dem Podium diskutierten Prof. Klaus Sailer, CEO des Strascheg Center for Entrepreneurship, Thomas Bischof, Head of Group Development von Munich Re sowie Dr. Jakob Assmann, Geschäftsführer des Energieversorgers Polarstern. Alexander Rossner übernahm die Moderation (von links nach rechts).

Gutes Leben statt Gewinnmaximierung
Polarstern lässt das Gas aus organischen Reststoffen wie Abfällen aus der Zuckerrübenindustrie herstellen, die ohnehin anfallen und nicht eigens produziert werden müssen. Der Strom wiederum stammt ausschließlich aus regionaler Wasserkraft, wobei das Unternehmen darauf achtet, dass die Kraftwerke möglichst wenig in das Ökosystem eingreifen. Erreicht wird das zum Beispiel durch den Bau von Fischstufen oder durch die Förderung von Auwäldern, um neue Laichgründe zu schaffen. Daneben unterstützt der Energieversorger für jeden Kunden eine Familie in Kambodscha beim Bau einer eigenen Biogasanlage, damit sich die Menschen unabhängig von Feuerholz und Petroleum machen können. „Die Energiewende in Deutschland ist schön und gut, aber wirklich sinnvoll ist sie nur, wenn sie weltweit greift“, erläutere Assmann. Er sieht in der Energiewende die Chance, das Wirtschaftssystem in Richtung mehr Gemeinwohl umzubauen. „Das Motto lautet: Gutes Leben für alle statt Gewinnmaximierung.“ 

Gründer mit innovativen Ideen zu unterstützen, das hat sich das Strascheg Center for Entrepreneurship (SCE) der Hochschule München auf die Fahnen geschrieben. Denn viele Studierende streben heute nicht mehr unbedingt eine klassische Karriere an, sondern machen sich Gedanken, wie sie die Zukunft mitgestalten können. Selbstverwirklichung und sinnhafte Arbeit steht dabei mehr im Vordergrund als viel Geld zu verdienen. „Ich denke, wir als Hochschule müssen diese jungen Leute fördern, um einen Impact zu schaffen“, sagte CEO Sailer. Gerade im Energiebereich böten sich viele Möglichkeiten, da die großen Konzerne naturgemäß langsam sind, wenn es darum geht, neue Ideen in die Welt zu setzen. 

Förderung trägt Früchte
„Unser Leitbild an der Hochschule zielt darauf ab, eine Innovationskultur zu schaffen. Wir wollen unternehmerische Persönlichkeiten ausbilden, die Verantwortung übernehmen und Eigeninitiative ergreifen“, umriss Sailer die Aufgabe des SCE. Ob am Ende der Ausbildung eine Gründung steht, sei nicht so wichtig. Schließlich könne man auch in einer bestehenden Firma sein unternehmerisches Denken einbringen. Ein gelungenes Beispiel, wo die Förderung des SCE Früchte getragen hat, ist Mobile Hydro. Das ist ein kleiner Rotor, der in fließenden Gewässern über einen Generator Strom erzeugt und sich gut in Entwicklungsländern einsetzen lässt. Ein anderes Projekt ist Pioniernetz, bei dem die Gründer mit einer privaten Netzkopplung den Energiemarkt revolutionieren wollen. Neben der Ausbildung von Studierenden und der Förderung von guten Ideen steht die Vermittlung von Kooperationspartnern im Mittelpunkt. „Wir als Hochschule können Startups mit etablierten Firmen zusammenbringen und dadurch viel leisten, damit sich innovative Ideen durchsetzen“, so Sailer. 

Als global tätiger Rückversicherer setzt sich Munich Re seit Jahren strategisch mit dem Klimawandel auseinander. Denn zum einen bedrohen immer höhere Schäden das Geschäftsmodell der Versicherer. Zum anderen werden die Assekuranzen als Teil der Lösung gesehen, wenn es darum geht, Risikobewusstsein zu stärken und neue Lösungswege aufzuzeigen. „Bei den Erneuerbaren Energien ist die Versicherungsbranche in der Lage, durch Übernahme von Risiken Technologieentwicklung zu unterstützen“, erklärte Thomas Bischof. So kann sich beispielsweise der Besitzer einer Photovoltaik-Anlage nicht nur gegen Hagel, sondern auch gegen das Risiko versichern, dass die Anlage nicht die in Aussicht gestellte Leistung erbringt. 

Innovationen durch Klimaversicherung
Andere Lösungen zielen darauf ab, die Folgen des Klimawandels besser in den Griff zu bekommen. „Der Schlüsselbegriff hier lautet `Climate Risk Insurance‘. Über eine Partnerschaft zwischen Politik und Versicherungsbranche wurde für Entwicklungsländer eine Versicherung geschaffen, die Zahlungen leistet, sobald bestimmte Parameter wie etwa Windstärke oder Niederschlagsmenge erreicht sind“, erklärte der Leiter der Konzernentwicklung von Munich Re. Auf die tatsächlichen Schäden kommt es dabei gar nicht an. Dieser Bereich der Versicherung liefert positive Impulse in Ländern mit geringer Versicherungsdurchdringung und hohem Wetterrisiko. 


Im Dialog mit dem Publikum wurden weitere Fragen erörtert. 

„Innovationen sind bei uns ein elementarer Bestandteil. Dort, wo wir unternehmensintern an Grenzen stoßen, setzen wir auf Partnerschaften mit Hochschulen oder mit Startups.“ Beispielsweise unterstützte Munich Re die französisch-deutsche Initiative POC21 („Proof of Concept“), bei der kreative Köpfe aus aller Welt zusammen mit Akteuren aus NGOs, Forschung und Wirtschaft innovative Lösungen für eine klimaneutrale und ressourcenschonende Zukunft entwickelten. Einen weiteren Anknüpfungspunkt bildet der Impact Hub in München, wo ebenfalls neue Ideen entstehen. „Momentan begleitet Munich Re in diesem Rahmen vier Initiativen, und wir hoffen, dass am Ende daraus vier Unternehmen werden, die die Welt besser machen“, unterstrich Bischof.   

Acht von zehn bleiben auf der Strecke
Wie schwierig der Prozess des Gründens ist, zeigt sich daran, dass das SCE bei insgesamt 18.000 Studierenden an der Hochschule München nur etwa 200 studentische Teams betreut, aus denen 25 bis 30 erfolgreiche Gründungen hervorgehen. „Das sind nicht so viele“, räumt Klaus Sailer ein, „vor zehn Jahren war es aber noch so gut wie niemand, der diesen Schritt gewagt hat.“ Und wer den Sprung ins eigene Unternehmen geschafft hat, muss sich auch nachhaltig am Markt etablieren. „Von zehn Startups schaffen es acht nicht, weniger weil das Produkt nicht stimmt, sondern weil die kritische Masse fehlt“, weiß Sailer. 

Insgesamt durchlaufen pro Jahr 1.200 bis 1.500 Studierende einen Entrepreneurship-Kurs des SCE. „Die Politik könnte uns noch mehr unterstützen“, wünscht sich der CEO. Zudem könnte man deutlich mehr Geld für nachhaltige Bildung ausgeben, nicht nur an den Universitäten, sondern auch an Schulen oder Kindergärten. Das wären sinnvoll investierte Mittel, um mehr Bewusststein für Nachhaltigkeit in den Köpfen der Menschen zu verankern. 

Denn eines ist klar: Die Herausforderungen durch den Klimawandel sind so groß, dass es vermessen wäre zu glauben, einer alleine könnte die Probleme lösen. Die Politik wird den Klimawandel nicht stoppen. Am Ende sind es die vielen kleinen und guten Ideen, die die nötigen Impulse für eine lebenswerte Zukunft liefern. 

25. Oktober 2016