Wenn Lebensräume unbewohnbar werden – Was kommt auf die Welt, Deutschland und München zu?

Dialogforum spezial "Klimaherbst 2017"

Die Vereinten Nationen gehen davon aus, dass Umweltveränderungen und Klimawandel massive Migrationsbewegungen auslösen werden. Entwicklungsländer sind dabei überproportional vom Anstieg des Meeresspiegels, schweren Stürmen oder Dürren bedroht. Mit den Herausforderungen und möglichen Lösungen befasste sich das Dialogforum spezial, das die Münchener Rück Stiftung zusammen mit dem oekom Verlag organisiert hat.

Schon heute ist sicher: Die Folgen des Klimawandels bekommen zuallerst arme, oft marginalisierte Bevölkerungsschichten in Entwicklungsländern zu spüren, deren Widerstands- und Anpassungsfähigkeiten begrenzt sind. "Bangladesch ist vom steigenden Meeresspiegel bedroht, genauso wie etliche Inseln im Pazifik. Die Sahelzone ist immer häufiger von Dürren betroffen", erklärte Carolin-Anna Trieb, die an der Grazer Karl-Franzens-Universität Global Studies studiert. Umso wichtiger sei es, das Bewusstsein für die Migrationsproblematik zu schärfen, betonte Dina Ionesco von der International Organisation for Migration (IOM). Die zur UN gehörende Organisation beschäftigt sich mit Migration in all ihrer Vielfältigkeit und Komplexität, wirbt für internationale Kooperationen und fördert die Suche nach praktischen Lösungsansätzen. 

Ein schwieriges Unterfangen: „Es hat 64 Jahre gedauert, bis die Mitgliedsstaaten der IOM 2015 eine Abteilung geschaffen haben, die sich dem Zusammenhang von Migration, Umwelt und Klimawandel widmet“, sagte Ionesco. Inzwischen sei das Thema in den Köpfen der Menschen verankert, laufe aber Gefahr, zu einem Modetrend zu werden, für den sich niemand richtig zuständig fühle.


„Wir haben die historische Möglichkeit, die Phänomene Klimawandel und Umweltveränderungen fest im Kontext von Migration zu verankern", hält Dina Ionesco von der IOM fest.

Keine einheitliche Definition
Klimabedingte Migration ist keine neue Erscheinung. Naturkatastrophen und Umweltveränderungen haben schon immer Menschen aus ihrer Heimat vertrieben. Es ist eine Anpassungsstrategie, um die Lebensgrundlagen zu sichern. Die akademische Diskussion des Phänomens ist hingegen relativ jung. Bis heute existiert keine allgemein akzeptierte oder gar rechtlich bindende Definition für Umweltmigranten. Darunter fallen Menschen, die durch Naturkatastrophen ihr Zuhause verlieren genauso wie diejenigen, denen schleichende Umweltzerstörung ihre Lebensgrundlage entzieht. „Der Zusammenhang zwischen Migration und Klima entspricht einer schwierigen Gleichung mit mehreren Unbekannten“, gab Ionesco zu bedenken. Es handle sich um ein Phänomen, das sich nicht auf eine Ursache beschränken lasse. Erschwerend hinzu komme, dass Klimaflüchtlinge nicht unter den Schutz der weltweit gültigen Genfer Konvention fallen und somit kein Recht auf Asyl haben. 

So wundert es nicht, dass Schätzungen über die Zahl künftiger Umweltmigranten vage bleiben müssen, auch weil freiwillige wie unfreiwillige Migranten sowie kurz- und langfristige Umsiedler berücksichtigt werden müssen. Immerhin lässt sich sagen: „26 Millionen Menschen verlieren jährlich ihre Heimat aufgrund Naturkatastrophen und Umweltveränderungen. Das sind dreimal so viele Personen wie durch Konflikte vertrieben werden“, erläuterte Ionesco. Unter Experten besteht weitgehend Einigkeit, dass die Abwanderung aufgrund umweltbedingter Faktoren zunehmen wird. Global wie auch regional werden daher Lösungsansätze gesucht. Dabei ist es sehr positiv zu bewerten, dass Klimamigranten mittlerweile im Klimaabkommen von Paris, im Sendai Framework for Disaster Risk Reduction wie auch in der Agenda 2030 für nachhaltige Entwicklung offiziell als Gruppe benannt werden. „Wir haben die historische Möglichkeit, die Phänomene Klimawandel und Umweltveränderungen fest im Kontext von Migration zu verankern“, resümierte Ionesco. Die Öffentlichkeit muss sensibilisiert werden. Einen wichtigen Beitrag dazu liefert der jüngst im oekom Verlag erschienene „Atlas der Umweltmigration“, den Ionesco mit renommierten Wissenschaftlern zusammengetragen hat. 

Klimawandel als strategische Herausforderung
Auch die Wirtschaft macht sich Gedanken über die Auswirkungen des Klimawandels: „Munich Re hat schon vor etwa zehn Jahren erkannt, dass man den Klimawandel als strategische Herausforderung begreifen muss, der einen indirekten Einfluss auf das Geschäft hat“, bekannte Ernst Rauch, der den Bereich Climate and Public Sector Business Development bei dem Rückversicherer leitet. Im Rahmen eines ganzheitlichen Ansatzes habe man sich gefragt, was man zur Lösung der Probleme beitragen könne. Eine Möglichkeit ist, den Wissens- und Erfahrungsschatz von Versicherern und Rückversicherern anderen Ländern zur Verfügung zu stellen. Zudem ist die Versicherungswirtschaft in konkrete Projekte – wie etwa die von den G7-Staaten 2015 begründete Initiative InsuResilience – eingebunden. Diese hat sich zum Ziel gesetzt, 400 Millionen armen und gefährdeten Menschen in Entwicklungsländern bis zum Jahr 2020 Zugang zu Versicherungen gegen Klimarisiken zu ermöglichen. Welche positive Wirkung  Versicherung entfalten kann, zeigte sich im September 2017, als ein Hurrikan die Karibikinsel Dominica verwüstet hatte. „Der Inselstaat war über einen Katastrophenpool versichert und hat innerhalb weniger Tage Hilfsgelder in Höhe von 19 Millionen Dollar erhalten“, erläuterte Rauch. 


Im Anschluss an die Expertenrunde kam es zu angeregten Diskussionen mit dem Publikum.

Fernab in Europa sucht die Politik unterdessen nach Wegen, die zu erwartenden Flüchtlingsströme zu managen. „Die hier teilweise betriebene Panikmache ist gefährlich“, gab Ionesco zu bedenken. Man dürfe nicht vergessen, dass Klimamigranten in der Regel ihr Land gar nicht verlassen wollen. „Lasst es uns ihnen ermöglichen, dass sie bleiben können“, plädierte sie. Möglichkeiten dazu, ergänzte Trieb, böten Initiativen zur Reduzierung von Katastrophenrisiken. Die Menschen müssen in ihrer Widerstandsfähigkeit gegen die Folgen des Klimawandels gestärkt werden, indem Risiken erkannt und Vorsorge- und Anpassungsmaßnahmen ergriffen werden. Außerdem sei es wichtig, Stressfaktoren wie die zunehmende Urbanisierung und das rapide Bevölkerungswachstum in einigen Regionen der Welt im Auge zu behalten. 

Zwei-Grad-Ziel kaum zu erreichen
Die Hoffnung, dass sich der Klimawandel ausreichend begrenzen lässt, ist nach Ansicht von Rauch eine Illusion. Das Ziel von maximal zwei Grad Erderwärmung werde sich höchstwahrscheinlich nicht erreichen lassen. „Selbst wenn wir heute alle CO2-Emissionen stoppen könnten, würden in der Atmosphäre gespeicherte Treibhausgase die Erdatmosphäre die nächsten 100 Jahren weiter aufheizen.“ Seine Sorge in Bezug auf den Klimawandel ist, dass sich die Welt spaltet in jene Staaten, die sich an die Veränderungen anpassen können und solche, denen Mittel und Möglichkeiten dafür fehlen. „Das dürfte neue soziale Konflikte und weitere Migration auslösen“, befürchtet Rauch.

Die Folgen des Klimawandels und mit ihnen die Umweltmigration sind große Herausforderungen unserer Zeit. Die Staatengemeinschaft muss dringend über Ländergrenzen hinweg Regeln finden, die im Einklang mit den Menschenrechten und dem Völkerrecht stehen. Wenn Ursachen und Probleme rund um umweltbedingte Migration früh erkannt und in Angriff genommen werden, kann es gelingen, die Migration als Anpassungsstrategie sowie Lösung und nicht als Hürde zu begreifen.

19. Oktober 2017