Ein Fischer in Singpur erklärt,  wie der Monsun das Leben in der Gemeinde prägt.
Ein massiver Steinwall schützt große Teil Singpurs vor Erosion.

Resilience Academy 2015 – Loss and Damage

Die Resilience Academy 2015 hat 30 junge Wissenschaftler aus 15 Ländern zusammengebracht. Neben renommierten Wissenschaftlern waren Vertreter aus der Praxis, z.B. von USAID, GIZ oder Caritas sowie Journalisten mit an Bord. Das Ziel war es, gemeinsam das Programm „Loss and Damage“ des UN Klimasekretariats (UNFCCC) zu analysieren und Lösungen für dringende Fragen zu entwickeln.

Was bedeutet Loss and Damage im Klimakontext?
Anpassung an umweltbedingte Risiken (Adaptation) und Vermeidung von klimarelevanten Treibhausgasen (Mitigation) sind relativ gut erforschte Gebiete. Auch abseits von Politik und wissenschaftlichen Diskursen finden die Begriffe Eingang in die öffentliche Berichterstattung. Die Frage ist: was passiert, wenn Anpassung und Vermeidung nicht den gewünschten Erfolg bringen? Wenn trotz CO2 Einsparungen das 2-Grad-Limit nicht gehalten werden kann und weitere Risiken drohen? Was, wenn Schutzmechanismen, wie z.B. Warnsysteme, gegen Dürren, Fluten und Stürme nicht ausreichen? 

Umweltbedingte Veränderungen können sehr schnell vonstattengehen, die Gesellschaft, die von ihnen betroffen ist, kann sich häufig nicht rechtzeitig anpassen. Dies trifft oft auf arme Menschen in Entwicklungsändern zu. Schäden (Damage) werden unweigerlich entstehen - im schlimmsten Fall droht sogar der vollständige Verlust (Loss) eines Gutes, einer Landfläche oder eines ganzen Systems. 

„Adaptations- und Mitigationsprojekte dienen dazu, Loss and Damage zu verhindern“, hielt Prof. Saleem Huq aus Bangladesch fest. Da wir aber nicht erwarten können, dass dies immer erfolgreich sein wird, braucht die internationale Gemeinschaft einen Plan. Ein Rahmenwerk muss regeln, was im Fall von Schäden und Verlusten, die im Kontext von Klimawandel stattfinden, passiert. Die Fragen liegen auf der Hand: Wer steht in der Verantwortung, wer finanziert? Wie lassen sich Verluste definieren und wann gelten sie als vermeidbar? „Schäden an sozialen Strukturen oder Ökosystemen sind praktisch nicht bezifferbar“ lautet ein Fazit der Akademieteilnehmer. „Ich bin mit der Akademie sehr zufrieden“, sagt Dr. Saleemul Huq, der Leiter, der zugleich ein wichtiger Politikvertreter in Bangladesch ist. Wir werden nun sicher mehr als zehn politikrelevante Fachpublikationen und Handlungsempfehlungen für die Politik (Policy Briefings) entwerfen. Die wichtigsten Ergebnisse will Huq gleich im Dezember am Weltklimagipfel COP 21 vorlegen. „Wir brauchen rasche Entscheidungen, uns steht das Wasser bis zum Hals“, mahnt Huq. Er ist aber auch davon überzeugt, dass die Welt viel von Bangladesch lernen kann. „Und das hilft dann auch den anderen Entwicklungsländern im Klimawandel“

Das Dorf Singpur – Loss and Damage hautnah
Singpur ist eine Gemeinde in Bangladesch, etwa 100 km nördlich der Hauptstadt Dhaka. Während der Monsunzeit ist die Ebene um den Ort kilometerweit überschwemmt – und das über Monate.  Singpur wird zu einer Insel. Für die Bewohner bedeutet dies, dass sie ihre Lebensunterhaltsmöglichkeiten einmal im Jahr vollständig umstellen müssen. 

Ein Großteil der Bevölkerung ist während der wasserfreien Zeit in der Landwirtschaft tätig. Dominierende Produkte sind Reis, Kartoffeln und Früchte. Während der Monsunzeit ist die Fischerei wichtigste Einkommensquelle. Alle Einkommen hängen sehr stark von den Umweltfaktoren ab. Regnet es zu wenig oder zu viel, kann dies rasch  zu enormen Einkommensverlusten führen. Ein Fischer erzählte uns: „Etwa alle vier Jahre können wir unser Einkommen nicht hier in Singpur bestreiten. Dann gehen Familien nach Dhaka, um einen anderen Beruf zu auszuüben“.  

In der Regel verlassen die Menschen den Ort im Mai vor dem Monsun und gehen für 5 bis 7 Monate in die Städte. Danach kehren sie zurück – nur etwa 10 bis 15 Prozent verlassen die Insel permanent.

In Singpur wurden Anstrengungen unternommen, um sich an die Bedingungen anzupassen. Ein langer Küstenabschnitt wurde etwa mit einer hohen Mauer umfriedet, der die Flutwellen stoppt und Erosion vorbeugt. Die Bewohner in diesem Teil haben heute ein deutlich geringeres Risiko, ihr Haus, ihre Kühe oder sogar ihr Leben an die Fluten zu verlieren.

Doch die  Mauer schützt nur einen Teil, die Gemeinde verliert regelmäßig 20 bis 40 Häuser in großen Überschwemmungen. 2004, 2006, 2009 und 2015 waren besonders katastrophale Jahre. Die Anpassungsmaßnahmen gehen nicht weit genug. Wegen der Bodenbeschaffenheit und der heftigen Sturmfluten ist es in einigen anderen Bereichen nicht möglich oder sinnvoll, einen Schutzwall zu errichten. Es drohen auch zukünftig Schäden und Verluste. „Es hat Jahre gedauert, bis die Regierung mit Hilfsorganisationen und der Gemeinde den ersten Damm finanziert hat. Wer kommt für die Schäden auf der anderen Seite auf?“ fragte uns ein Fischer. Bisher niemand. In der Regel verlassen sich die Bewohner auf sich selbst und auf ihre Familien. Soziale Sicherungssysteme sind nicht ausreichend installiert. Durch den enormen Bevölkerungsdruck – in Singpur leben in 1.500 Haushalten etwa 15.000 bis 20.000 Menschen – sind die Bewohner gezwungen, auch in den ungünstig gelegenen Gebieten zu siedeln. Selbst wenn sie dort alle Jahre wieder ihre Häuser neu aufbauen müssen.

Das Beispiel zeigt, dass Anpassung nicht immer ausreichend oder effizient gestaltet werden kann, wenn Geld fehlt. Gerade für arme Gemeinden ist es dann immens wichtig, auf Alternativen zurückgreifen zu können. Rahmenbedingungen dafür versuchen die Vereinten Nationen mit ihrem Loss and Damage Programm zu schaffen.

Die Resilience Academy wird gemeinsam von ICCCAD, UNU-EHS und der Münchener Rück Stiftung organisiert. Die Teilnehmer schließen sich in Gruppen zusammen und werden im Laufe des folgenden Jahres Aufsätze (Working Paper) zu Loss and Damage anfertigen und in wichtige Prozesse, wie den UNFCCC Prozess einbringen. Ausgewählte Berichte werden in renommierten Fachmedien veröffentlicht.

CB, 23. September 2015

Katastrophenvorsorge

> Übersicht

 

Kontakt

> Christian Barthelt

> Thomas Loster

 

Share on social media

 

Links zu den Projektpartnern

> UNU-EHS

> ICCCAD

> The Wilson Center