Klimawandel und Risikomanagement: Lösungen entwickeln in einer komplexen Welt

Resilience Academy 2016 – 4. bis 10. September 2016 – Bericht

Gut 30 Teilnehmer aus aller Welt haben in der Resilience Academy 2016 analysiert, wie Klimawandel, Katastrophen-management und Einkommensmöglichkeiten in armen Ländern zusammenhängen. Den Rahmen setzte ein Arbeitsprogramm der Vereinten Nationen.

"Loss and Damage" heißt ein großes Programm des Klimasekretariats der Vereinten Nationen (UNFCCC). Global sollen über Jahre Schäden und Verluste, die durch die Klimaerwärmung verursacht werden, bilanziert werden. Beim Klimagipfel COP 22, der im November 2016 in Marrakesch stattfindet, werden wichtige Ergebnisse vorgestellt. Der britische Wissenschaftler Terry Cannon (IDS, King’s College) startete in die Woche mit einer provokanten Behauptung: „Man kann kein Rationalist sein in einer irrationalen Welt. Das wäre irrational“. Er zeigte an einem einfachen Beispiel zu Risikomanagement auf, wie weit aus seiner Sicht Risikowahrnehmung und -management vor Ort oft auseinander liegen.


Gut 30 Teilnehmer aus aller Welt diskutierten in Arbeitsgruppen, wie Menschen besser gegen Folgen des Klimawandels vorbereitet werden können.

Wahrnehmung der Lebensrealität

Wie nimmt etwa ein Mensch in einer flussnahen Dorfgemeinschaft in Bangladesch seine Heimat wahr? "Als Fischer bin ich nah an meinem Arbeitsplatz, der Fluss ernährt mich und bringt Wasser für den Gemüsegarten. Das flache Land ist gut geeignet für mein Haus und einen Stall. Auch erleichtert es mir den Zugang zu Märkten, weil ich mit meinem Boot schnell in andere Ortschaften komme," führte Cannon aus. Ein Risikomanager bewertet die Situation grundsätzlich anders: „Das Grundstück am Flussufer ist bedroht durch Überschwemmungen und die Küste ist nicht richtig befestigt, es droht Erosion. Das Haus und die kleine Landwirtschaft sind nicht sicher, weil das flache Land keine Barrieren gegen Starkregen und Sturzfluten hat.“ Basierend auf dieser Risikoanalyse versuchen Organisationen der Entwicklungszusammenarbeit, Empfehlungen auszusprechen. Sie stufen Lebensräume als ungeeignet ein und entwickeln Warnsysteme für die Gefahren. Die Verwunderung ist groß, wenn am Ende keine Basis für Zusammenarbeit gefunden wird, weil die beteiligten Akteure aneinander vorbei reden. Wichtig ist folglich, viel in Bildung für Risikobewusstsein zu investieren. Ohne solide Bedürfnisanalyse und umfassenden Dialog gehen Projekte oft schief. Sie gelingen dann, wenn alle Beteiligten die Perspektive wechseln können und gemeinsam an einem Strang ziehen.


Lebensräume, wie sie die lokale Bevölkerung sieht und wie sie durch Risikomananger und Entwicklungshilfsorganisationen gesehen wird.

Vermeidung und Anpassung an den Klimawandel sind nicht genug
Die Parteien auf den internationalen Klimakonferenzen diskutieren seit Jahren, welche Handlungsoptionen die Länder der Welt im Zuge der Klimaänderung haben. Die Schlagworte sind Vermeidung und Anpassung. Vermeidung zielt darauf ab, den Verbrauch von fossilen Ressourcen zu begrenzen, damit Emissionen erst gar nicht in die Atmosphäre gelangen. Anpassung muss dann betrieben werden, wenn sich Änderungen nicht mehr vermeiden lassen. Allerdings kann ein Lebensraum durch Folgen des Klimawandels auch derart beschädigt werden, dass er nicht mehr nutzbar ist oder sogar ganz verschwindet. Küstenerosion etwa oder tauende Permafrostböden können eine Ursache sein. In diesem Fall machen auch Anpassungsprozesse meist keinen Sinn mehr. Deswegen wurde von UNFCCC das Programm "Loss and Damage" ins Leben gerufen, welches die Schäden und Verluste erfassen soll, die nicht mehr über Emissionsvermeidung oder Anpassungsmechanismen verhindert werden können. 

Eine Herausforderung in diesem Programm ist, dass längst nicht alle Schäden monetär greifbar sind. Geht ein Stück Land verloren, so kann man dem Grundstück und den Häusern darauf noch einen Wert zuschreiben, auch wenn das in Entwicklungsländern ohne Katastersystem schon schwer genug ist. Versucht man darüber hinaus zu messen, welche weiteren Verluste entstanden sind, wird es besonders schwierig. Wie etwa bewertet man die Möglichkeit Landwirtschaft zu betreiben, psychische Erkrankungen von Betroffenen als Folge von Heimatverlust, oder geschwächte soziale Strukturen? Wie bewertet man die Leistungen einer intakten Umwelt, die Systeme stützt, sogenannte „Ecosystem Services“?


Perspektivenwechsel sind wichtig: Die Akademie zielt darauf ab, Erfahrungen aus allen Weltregionen zu sammeln und Lösungen zu suchen.

Non-economic loss and damage
Die Teilnehmer der Resilience Academy befürchten, dass die nicht bezifferbaren Schäden und Verluste (non-economic loss and damage) aufgrund ihrer Komplexität und schwierigen Fassbarkeit nicht entsprechend in künftigen Abkommen repräsentiert sein werden. Damit kann es auch zu Lücken bei benötigten Fördergeldern kommen. Das wiederum trifft gerade die Menschen, die wegen ihrer Armut von Haus aus wenige Möglichkeiten haben, sich an die Folgen des Klimawandels anzupassen. Um dieses Problem zu vermeiden, hat die Akademie diese wichtige Frage aufgegriffen und Lösungsvorschläge erarbeitet. Die entstehenden Fachpublikationen werden im Detail erläutern, wie Klimaabkommen fair gestaltet werden können (regelmäßige Updates dazu finden Sie auf der Webseite der Münchener Rück Stiftung). Wegweisende Vorschläge sollen in knapp gehaltenen Politikempfehlungen (Policy Brief) schon auf der kommenden Klimakonferenz in Marrakesch im November der Öffentlichkeit - und den Politikern vor Ort - vorgestellt werden.

Hier kommt wieder die Frage der Perspektive ins Spiel, die Terry Cannon zu Beginn der Akademie aufbrachte. Wie können Politiker auf oberster Ebene - etwa bei den Klimakonferenzen - erfassen, was der Verlust von Land für einen Fischer und seine Familie in Bangladesch wirklich bedeutet? An dieser Stelle will die Akademie Wissenslücken schließen. Wissen aus Vor-Ort-Projekten und Forschungsergebnisse werden so aufbereitet, dass die Politik auf verschiedensten Ebenen Perspektivenwechsel vollziehen und verstehen kann.

CB, 14. September 2016

 

 

Katastrophenvorsorge

> Übersicht

 

Kontakt

> Christian Barthelt

> Thomas Loster

 

Share on social media

 

Links zu den Projektpartnern

> UNU-EHS

> ICCCAD

> The Wilson Center