Roger-Mark De Souza, President of Sister Cities International

Was bedeutet der Klimawandel für Inseln?

Der Klimawandel stellt für alle Länder eine komplexe und zeitkritische Herausforderung dar. Unter den Entwicklungsländern sind die Folgen für kleine Inselstaaten besonders gravierend: Aufgrund ihrer Geographie sind sie naturgemäß anfälliger gegenüber Naturkatastrophen, wie dem Meeresspiegelanstieg oder immer stärkeren Stürmen.

Klimabedingte Schocks wirken sich schnell auf die eng miteinander verbundenen Ökosysteme auf dem Land, an der Küste und im Meer aus. Kombiniert man diesen Klimastress mit Bevölkerungswachstum, den wirtschaftlichen Ballungsräumen insbesondere an den Küsten und der Abhängigkeit von begrenzten natürlichen Ressourcen, ist schnell klar, warum Inseln sich in einer prekären Lage befinden.

Wegen dieser besonderen Exponierung haben die Inselstaaten begonnen, sich für ehrgeizige Klimaziele und Innovationen zur Anpassung an den Klimawandel einzusetzen. Die Repräsentanten der Karibik- und Pazifikinseln drängen die internationale Gemeinschaft, den globalen Temperaturanstieg auf 1,5 Grad Celsius zu begrenzen. Die meisten Inselbewohner haben sich im Laufe der Geschichte immer wieder erfolgreich an widrige Wetterbedingungen angepasst: Sie haben bewiesen, dass sie Umweltveränderungen überwinden können und sie haben ihre Entschlossenheit gezeigt, sich gegen bedrohliche Entwicklungstrends zu wehren. Diese Fähigkeit kann ein wertvoller Erfahrungsschatz für globale Klimaschutzmaßnahmen sein.

Dennoch müssen die Inselstaaten noch einen weiten Weg gehen, wollen sie ihre sozialen, wirtschaftlichen und physischen Infrastrukturen gegen die sich verschärfenden Auswirkungen des Klimawandels wirklich absichern. Derzeit gelten verschiedene Resilienzmaßnahmen als vielversprechend. Für den Erfolg bedarf es aber neben inselbasierter Initiativen auch der Unterstützung durch die internationale Gemeinschaft. Nur wenn alle Interessensgruppen eng zusammenarbeiten, können Maßnahmen nachhaltig umgesetzt werden.


Küstengebiete wie hier in Bangladesch sind vielerorts durch Erosion und Meeresspiegelanstieg bedroht. (Copyright: Sonja Ayeb-Karlsson)

Veränderung aktiv gestalten: Migration als Anpassungsstrategie
Einzelne Naturkatastrophen können Küstenbewohner vorübergehend aus ihrer Heimat vertreiben. Dagegen müssen sich Menschen, die durch Umweltveränderungen existenziell bedroht sind, dauerhaft in einer sichereren Umgebung eine Zuflucht suchen. In beiden Fällen wird Migration als Bewältigungsmechanismus genutzt. Kann Migration also auch eine positive Anpassungsstrategie sein?

Der Zusammenhang zwischen Migration und Klimawandel ist nicht eindeutig. Im Rahmen eines Forschungsprojekts auf den Marshallinseln wurde festgestellt, dass der Klimawandel nicht der Haupttreiber für die Abwanderung von den Inseln ist. Die Entscheidung der Bewohner, in die Vereinigten Staaten zu ziehen, wurde maßgeblich durch die Sorgen um die eigenen Existenzgrundlagen, wirtschaftliche Möglichkeiten, Versorgungssicherheit und Lebensqualität beeinflusst. Viele Migranten senden dann Überweisungen an ihre Familienangehörigen auf den Inseln. Diese Gelder können verwendet werden, um gefährdete Küstengemeinden widerstandsfähiger zu machen. Sobald wir die sozioökonomischen Zusammenhänge zwischen Migration und Klimawandel besser verstehen, können wir Migration gezielter planen und strategischer einsetzen.

Wenn Aufnahmeländer ihre Migrationspolitik so gestalten, dass sich Chancen am Arbeitsmarkt ergeben und Gemeinden selbst aktiv werden können, erleichtert das den Menschen die Entscheidung für Umsiedlungsmaßnahmen. Vertrauen zwischen Insel-und Küstengemeinden und deren Nachbarländern ist die Basis für eine integrative Politik in den Sende- und Zielländern. Sich an ein neues Lebensmodell in der Fremde zu gewöhnen, ist immer mit Risiken verbunden. Können die Inselbewohner das jedoch geplant und proaktiv angehen – anstelle von reaktiven Zwangsumsiedlungen –, bleiben sie ihres eigenen Glückes Schmied. Das trägt ebenfalls zu einer stabileren Entwicklung bei.


Roger-Marc de Souza ist Spezialist für Resilienzforschung aus Trinidad und Tobago. (Copyright: Sonja Ayeb-Karlsson)

Risiken abwägen: Korruption vermeiden und kommunale Lösungsansätze fördern
Der politische Wille und die finanzielle Unterstützung zur Bewältigung von Klimarisiken nehmen auf vielen Inselstaaten zu. Transparente Prozesse bei der Mittelvergabe sind jedoch vielerorts noch nicht verankert. Nicht immer werden alle relevanten Akteure in Entscheidungen einbezogen. Infolge der Beschlüsse der UN-Klimakonferenz stehen den Inselstaaten mehr internationale Gelder zur Verfügung. Das erhöht allerdings die Korruptionsrisiken. Stabile politische Rahmenwerke müssen sicherstellen, dass politische und private Akteure, die von diesen Zahlungen profitieren, die Finanzmittel in geprüfte Projekte investieren. Nur so stärkt man die Gemeinschaft und unterstützt nicht persönliche Interessen einzelner Machthaber.

In Kommunen organisierte Vorhaben zur Resilienz können eine gute Option sein: Die lokalen Akteure haben ein inhärentes Interesse, dass ihre Projekte erfolgreich sind und Mittel effizient verwendet werden. Humanitäre und entwicklungspolitische Organisationen können die Zivilgesellschaft unterstützen, selbst Initiativen im Kampf gegen den Klimawandel zu entwickeln und an politischen Entscheidungsprozessen zu partizipieren. Gemeinschaftlich geleitete Projekte können dabei helfen, die zu erwartenden Verluste oder Schäden (‚Loss and Damage‘) in der Region vorab besser einzuschätzen, Schwachstellen in der Entwicklungsplanung zu beseitigen und lokale Klimarisiken zu bekämpfen. Kommunale Klimaschutz- und Anpassungsprojekte sind eine Quelle für innovative Strategien – oft schaffen sie positive Synergien für Mensch und Umwelt.

 
26. April 2018

 

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