Dr. Martin Held (2. v. r.) als Moderator während einer Gruppenarbeit
Prof. Dr. Markus Vogt (LMU München)

Wachstumsmarkt Mikrofinanz

Tagung der Evangelischen Akademie Tutzing und der Münchener Rück Stiftung in Zusammenarbeit mit der KfW Entwicklungsbank vom 5. bis 7. März 2010

Seit Muhammad Yunus für sein Engagement mit der Grameen Bank 2006 den Friedensnobelpreis erhalten hat, ist das Konzept Mikrofinanz als Mittel zur Armutsverringerung verstärkt ins Bewusstsein der Öffentlichkeit gerückt. Wie sind die bisherigen Erfahrungen, wo liegen die Chancen und wo die Grenzen? Einen Überblick über die Entwicklungen der vergangenen Jahre und Jahrzehnte bot die Tagung „Wachstumsmarkt Mikrofinanz“ vom 5. bis 7. März 2010, die die Evangelische Akademie Tutzing und die Münchener Rück Stiftung zusammen mit der KfW Entwicklungsbank veranstaltet hat. Eingeladen waren sowohl Experten aus der Praxis als auch Interessierte, die mit dem Thema noch wenig vertraut waren.

Das Instrument Mikrofinanz ist keine neue Erfindung, die Idee reicht vielmehr bis ins 16. Jahrhundert zurück. Als modernes entwicklungspolitisches Instrument fand zunächst der Mikrokredit seit den 1970er Jahren zunehmende Akzeptanz, in den vergangenen Jahren wurde das Konzept der Mikroversicherung auf eine tragfähige Basis gestellt. Einigkeit herrschte unter den Tagungsteilnehmern im Bekenntnis zu einem möglichst breiten Mikrofinanzansatz, der auch den Zugang zu Spareinlagen sowie zum Zahlungsverkehr umfasst. „Nur wenn man Mikrofinanz differenziert betrachtet, als ökonomische wie auch soziale Funktion, wird sich nachhaltiger Erfolg einstellen“, führte Dr. Martin Held, Studienleiter der Evangelischen Akademie Tutzing, aus.

Auch Matthias Adler von der KfW Entwicklungsbank wies darauf hin, dass der einseitige Fokus auf die Kreditvergabe nicht zum eigentlichen Ziel führen wird. Ein ganzheitlicher Ansatz erhöht die entwicklungspolitische Relevanz und stärkt die Legitimation des Instruments Mikrofinanz, das, so ergänzte Dr. Peter Wolff, Fachbereichsleiter beim Deutschen Institut für Entwicklungspolitik, eine Schnittstelle zwischen „empowerment, capability und good governance“ bilden kann. Jedoch dürfe man keine zu hohen Erwartungen in sie setzen, um Enttäuschungen zu vermeiden. Thomas Loster, Geschäftsführer der Münchener Rück Stiftung, plädierte ebenfalls dafür, Mikrofinanz lediglich als eines unter mehreren entwicklungspolitischen Instrumenten zu betrachten, das in eine breite Strategie eingebettet werden müsse. „Das Ziel muss primär in der Bekämpfung der Armut liegen. Daneben darf aber nicht die Hilfe zur Selbsthilfe aus den Augen verloren werden, um neue Abhängigkeitsverhältnisse zu verhindern.“

Seit zu Beginn der 1990er Jahre Unternehmen in den Industriestaaten Mikrofinanz als kommerzielle Geschäftsidee entdeckten, hat der Sektor eine rapide Entwicklung durchlaufen. „Die Höhe der Mikrofinanz-Investitionsfonds hat sich von 2005 bis 2009 verdreifacht,“ erläuterte Wolff. Gerade institutionelle Investoren zeigten großen Interesse, inzwischen habe sich das Segment sogar zu einer eigenen Assetklasse entwickelt. Obwohl es im Kern immer um die Bekämpfung von Armut geht, unterscheiden sich die Institutionen und ihre Vorgehensweise erheblich.

Die Deutsche Bank etwa engagiert sich seit 1997. Sie reicht die Mikrokredite aber nicht direkt aus, sondern unterstützt durch Fonds andere Mikrofinanzinstitute. Mit dem Global Commercial Microfinance Consortium hat sie 2005 den ersten Mikrofinanzfonds gegründet, der ausschließlich institutionelle Investoren anspricht. „Seit 2007 der auf Privatkunden und sozial orientierte institutionelle Investoren zugeschnittene Fonds „db Microfinance-Invest Nr. 1“ aufgelegt wurde, ist der Bereich Mikrofinanz eine eigene strategische Business-Einheit,“ erklärte Zarpana Massud-Baqa von der Deutschen Bank Asset Finance & Leasing. Im Umgang mit Mikrofinanzinvestments seien wie sonst auch eine sorgfältige Risikoanalyse, Portfolioselektion sowie eine hohe Transparenz unerlässlich.

Bei allen Erfolgsmeldungen darf nicht vergessen werden, dass der Mikrofinanzmarkt auch Grenzen aufweist. Längst nicht alle Institutionen haben sich positiv entwickelt, in einigen Ländern wie z. B. Marokko, Nicaragua, Pakistan kam es sogar zu Insolvenzen. Zu schnelles Wachstum, hohe Kapazitäten und ein damit verbundener intensiver Wettbewerb machten einigen Anbietern das Leben schwer. Mangels ausreichender Kontrolle waren zudem multiple Kreditvergaben keine Seltenheit. Konnte ein Kreditnehmer seine Schulden nicht begleichen, ging er einfach zur nächsten Bank. Abhilfe ist möglich durch eine bessere Aufsicht innerhalb der Institutionen und durch eine strengere Überwachung der Kreditvergabe. Zur Zeit ist eine gesunde Konsolidierung im Mikrofinanz-Sektor im Gange.

Im Bereich der Mikroversicherung beobachtet Michael Anthony, Leiter Mikroversicherung bei der Allianz, den Trend zu Marktinnovationen. Für ein Pilotprojekt in Südindien habe man 3 Risiken bzw. Handlungsfelder identifiziert: Gesundheitsvorsorge, Schutz des Wohnraums sowie Sparen für die Ausbildung der Kinder. Hierfür hat die Allianz ein gebündeltes Produkt entwickelt, wodurch sich auch das Ausfallrisiko für den Versicherer verringert. Insgesamt erstreckt sich das Mikroversicherungs-Portfolio der Allianz auf 8 Entwicklungsländer (Senegal, Kolumbien, Elfenbeinküste, Indonesien, Indien, Madagaskar, Kamerun und Ägypten). Die meisten Produkte stehen auf einem stabilen und nachhaltigen finanziellen Fundament, manche waren bereits nach einem Jahr profitabel. Die Marktgröße schätzt Anthony auf rund 2 Milliarden Menschen, wenn man eine Einkommensgrenze von 2 Dollar pro Tag ansetzt.

Neben Branchengrößen wie die Allianz haben auch Kreditgenossenschaften wie die 1975 gegründete Oikocredit auf dem Markt Fuß gefasst. Laut Dr. Florian Grohs, Repräsentant von Oikocredit Deutschland, haben inzwischen 36.000 Investoren/Mitglieder in die Entwicklungsgenossenschaft einbezahlt, wobei gilt: Jedes Mitglied hat nur eine Stimme, die maximale Dividendenzahlung ist auf 2 % pro Jahr begrenzt. Oikocredit bietet in 32 Länderbüros Finanzdienstleistungen, vor allem in den ländlichen Regionen Osteuropas, aber auch in den USA, in Asien und in Afrika. Die Vorteile des Genossenschaftsmodells sieht er in der einfachen Gründung, der demokratischen Struktur, den niedrigen Verwaltungskosten durch ehrenamtliche Arbeit sowie in der Möglichkeit, Kapital lokal über Spareinlagen zu beschaffen. Probleme bereiten vor allem die teilweise mangelnde Professionalität des Managements, eine ungenügende staatliche Regulierung und Interessenskonflikte zwischen Sparern und Kreditnehmern. Felix Oldenburg, Hauptgeschäftsführer von Ashoka Deutschland, zeigte, wie ein Netzwerk von erfolgreichen Social Entrepreneurs aufgebaut werden kann. Das mittlerweile weltweit größte Fördernetzwerk legt bei seinen Akteuren (Ashoka Fellows) sehr strenge Maßstäbe und Kontrollen an. Das führt am Ende zu einem funktionierenden, weltumspannenden Netzwerk, das sehr erfolgreich, nachhaltig und mit hohen Wirkungsgraden arbeitet.

Im Gegensatz zum Genossenschaftsmodell Oikocredit finanziert sich Opportunity International ausschließlich über Spenden. Die Organisation hat es sich zur Aufgabe gemacht, maßgeschneiderte Lösungen für einzelne Regionen zu finden. Seit 36 Jahren in nunmehr 25 Ländern aktiv, betreut Opportunity International heute mit 8000 Mitarbeitern rund 1,6 Millionen Klienten, davon 84 % Frauen. Die durchschnittliche Kredithöhe liegt bei 250 US-Dollar, erläuterte Vorstand Stefan Knüppel. Neben den gewöhnlichen Bankgeschäften hat eine typische Regionalbank von Opportunity auch soziale Themen wie z.B. AIDS-Prävention im Blick und bietet ein breit gefächertes Schulungsangebot, das viele Lebensbereiche abdeckt. Die Rückzahlungsquote der gewährten Mikrokredite liegt teilweise bei 98 %, doch nicht überall ist das Ausfallrisiko so gering. Grundsätzlich ist für Opportunity International aufgrund der Spendenfinanzierung eine verstärkte Fokussierung auf die Armutsbekämpfung möglich. Dabei steht die Förderung der Eigeninitiative der Kreditnehmer und die Unterstützung von speziellen Projekten im Mittelpunkt.

Erfolgreiche Mikrofinanzansätze, das hat die Tagung klar gemacht, brauchen förderliche Rahmenbedingungen und vor allem starke Institutionen, um das Wachstumspotenzial voll auszuschöpfen. Mikrofinanz agiert nicht im luftleeren Raum, sondern ist Teil eines breiteren Verständnisses von sozialem Unternehmertum, auch wenn immer noch viel zu oft ökonomische und soziale Interessen als Gegensätze gesehen werden. Die Tagung hat jedoch deutlich gemacht, dass beide Ziele miteinander vereinbar sind und ganzheitliche Konzepte in den Entwicklungsländern neben ökonomischer Eigeninitiative auch Demokratie, zivilgesellschaftliche Strukturen und Gleichberechtigung fördern können. Ziel der Mikrofinanzinstitute muss es dabei sein, die finanzielle Nachhaltigkeit anzustreben, ohne die entwicklungsfördernde Orientierung aus den Augen zu verlieren.

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