Der Präsident von Kolumbien, Álvaro Uribe, eröffnete die Konferenz
Über 450 Teilnehmer aus 48 Ländern nahmen an der Konferenz teil

4. Internationale Mikroversicherungskonferenz, 5.-7. November 2008, Cartagena, Kolumbien

Ein Instrument mit enormem Potenzial

Mikroversicherungen bieten armen Haushalten in Entwicklungs- und Schwellenländern Absicherung gegen elementare Risiken. Wie sehr das Thema an Bedeutung gewonnen hat, belegt das große Interesse an der 4. Internationalen Mikroversicherungskonferenz, die Ende 2008 in Kolumbien stattfand. Die Veranstaltung wurde von der Münchener Rück Stiftung und der CGAP Working Group on Microinsurance in Zusammenarbeit mit dem kolumbianischen Versicherungsverband FASECOLDA, dem Versicherungsverband von Lateinamerika FIDES und der lokalen Aufsichtsbehörde organisiert.

Gut 450 Experten und Praktiker aus rund 50 Ländern waren zu der ersten internationalen Konferenz dieser Art in Lateinamerika nach Cartagena gekommen, 50 % mehr als 2007. Im Mittelpunkt standen die Themen Regulierung, Ausbildung, technische Lösungen und innovative Vertriebswege. Mit rund zwei Drittel der Teilnehmer stellte die Versicherungs- und Finanzindustrie die größte Gruppe – ein Beleg dafür, dass Mikroversicherungen längst nicht mehr nur als Instrument zur Armutsbekämpfung gesehen werden, sondern zunehmend auch unter ökonomischen Aspekten in das Blickfeld der Versicherungsindustrie geraten. Die potenzielle Zielgruppe ist riesig: Allein in Zentral- und Südamerika leben rund 350 Millionen Menschen am unteren Ende der Einkommenspyramide.

In seiner Eröffnungsrede äußerte der kolumbianische Präsident Álvaro Uribe die Hoffnung, dass Mikroversicherungen weiter an Popularität gewinnen. „Wir müssen das Konzept den armen Bevölkerungsschichten nahebringen und verdeutlichen, dass es die beste Möglichkeit für persönliches Risikomanagement ist – sei es bei Gesundheitsproblemen, bei finanziellen Engpässen oder bei Naturkatastrophen“, erklärte Uribe. Statt zu Geldverleihern oder Geschäftemachern am Schwarzmarkt zu gehen, sollten die Betroffenen Versicherungsinstrumente nutzen. Uribe hob hervor, dass Mikroversicherungen keine Almosen seien. „Mikroversicherung kommt von Herzen, sie ist aber ein Geschäft und keine Wohltätigkeit.“ Auch Menschen mit geringen Einkommen seien durchaus bereit, kommerzielle Angebote zu nutzen.

Kolumbien gilt als einer der wichtigsten Märkte für Mikroversicherungen in Lateinamerika. Vor mehr als fünf Jahren wurden hier die ersten Mikroprodukte entworfen, heute bieten 11 Gesellschaften Versicherungen u.a. in den Bereichen Leben, Unfall und Begräbniskosten an. Aktuell werden Policen für das Sachgeschäft entwickelt, um der steigenden Nachfrage gerecht zu werden. Den Erfolg von Mikroversicherungen in Kolumbien führen Experten auf die enge Zusammenarbeit zwischen Behörden und Versicherern zurück.

Wie Regulierung die Verbreitung von Mikroversicherungen beeinflusst, hat das Microinsurance Network, die frühere CGAP Working Group on Microinsurance, anhand von Studien in Uganda, Kolumbien, Indien, Philippinen und Südafrika untersucht. Dabei zeigte sich, dass die Zielgruppe für Mikroversicherungen überwiegend dem informellen Sektor entstammt, der häufig nicht reguliert ist. In Indien beträgt der Anteil 20 %, in Kolumbien sogar über 50 %. Erschwerend hinzu kommt, dass es den Menschen an der nötigen Bildung und am Verständnis für die Funktionsweise von Versicherungen fehlt.

Die Strategien der Behörden, diese Probleme anzugehen, reichen von einer moderaten Regulierung, die auf Kooperation von Versicherungen, Regierung und Mikrofinanzindustrie setzt (Kolumbien), bis zur Verpflichtung der Privatwirtschaft, Mikroversicherungen anzubieten (Indien). Roberto Junguito, Präsident des kolumbianischen Versicherungsverbands FASECOLDA, warb für den Kurs Kolumbiens und betonte, dass keine neuen Regeln nötig seien. „Der private Sektor bemüht sich auch so mit Nachdruck, maßgeschneiderte und erschwingliche Lösungen zu entwickeln und der steigenden Nachfrage gerecht zu werden“, erklärte er. Das allein sei schon Garant für weiteres Wachstum in dem Segment.

Auch andere Experten forderten auf der Konferenz, die Verbreitung von Mikroversicherungen weniger mit Zwang, als mit Anreizen zu fördern. In diesem Zusammenhang ist es wichtig, informelle Versicherungen in eher formalisierte (klassische) Versicherungsformen zu überführen und beispielsweise Genossenschaftslösungen zu unterstützen, um vor allem die Rechte der Schwächsten zu schützen.

Doch selbst wenn Rahmenbedingungen und Produkte stimmen, bleibt als Hindernis, dass die Menschen Funktion und Nutzen von Versicherungen nicht verstehen. So zählten bei einer Befragung von 550 Haushalten in Kolumbien mangelndes Interesse und Verständnis zu den wichtigsten Gründen, keine Versicherung abzuschließen. Der am häufigsten genannte Grund „Geldmangel“ relativiert sich jedoch, wenn man bedenkt, dass die Menschen aus den unteren Einkommensregionen Kolumbiens etwa genauso viel für Versicherungen wie für Lotterien ausgeben. In einem Zeitraum von 30 Jahren ist aber beispielsweise das Todesfallrisiko 50 mal höher als die Chance, in der Lotterie zu gewinnen. Dies zeigt wie wichtig es ist, die Bedeutung von Versicherungen zu erklären.

Craig Churchill von der Internationalen Arbeiterorganisation (ILO) und Vorsitzender des Microinsurance Networks, der Co-Organisatorin der Konferenz, betonte: „Mikroversicherung ist nur ein Werkzeug von vielen, um arme Menschen zu unterstützen. Wir haben viel erreicht. Nun geht es darum, dass die kommerziellen Versicherer über einfache Produkte wie der Kreditversicherung hinaus speziellere Lösungen entwickeln und auf den Markt bringen.“

Die im Vergleich zu den Prämien hohen Fixkosten stellen nach wie vor eine der größten Hürden dar. Wie innovative Vertriebswege dazu beitragen, sowohl neue Kundengruppen zu erschließen als auch Kosten zu reduzieren, zeigt das Beispiel des Versicherers MAPFRE, der in Kolumbien mit dem Stromanbieter Condensa kooperiert. Im Rahmen dieser Allianz zahlen mehr als 300 000 Familien ihre Versicherungsprämien über die Stromrechung, wobei 90 % dieser Familien den untersten Einkommensgruppen angehören.

Bislang wenig ausgeschöpft sind die Effizienzpotenziale bei der Nutzung von IT-Lösungen, deren Einführung aber mit hohem Aufwand verbunden ist. Rund die Hälfte aller in einer Studie des Microinsurance Networks befragten Anbieter von Mikroversicherungen entwickelt ihre Software komplett selbst, nur 10 % bezogen Programme von Drittanbietern. Auch die Möglichkeiten von technischen Lösungen wie Smartcards sind längst nicht ausgeschöpft. Allerdings will der Einsatz neuer Technologien gut überlegt sein. Denn eine Festlegung hat langjährige Auswirkungen, und um das Potenzial zu heben, müssen die internen Prozesse optimiert werden.

Die Konferenz in Cartagena hat gezeigt, dass sich gerade in Lateinamerika die Versicherungsindustrie dem Thema Mikroversicherungen verstärkt widmet. Dennoch bleiben vielfältige Herausforderungen, wobei die bedarfsgerechte Gestaltung der Produkte und die Kosten zentrale Punkte sind. Auch ist die Datenlage zu dürftig, um den Mehrwert der jeweiligen Versicherungslösungen für die Armen zu beziffern.

Diesen Problemen werden sich sowohl das Microinsurance Network als auch die nächste Internationale Mikroversicherungskonferenz widmen, die vom 3. bis 5. November 2009 in Dakar, Senegal, stattfindet. Die Organisatoren hoffen, dass der Geist von Cartagena auch in Dakar weht, damit den Mikroversicherungen, die in Afrika bislang eher im Abseits stehen, auch dort der Durchbruch gelingt.

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