Die Mikroversicherung aus wissenschaftlicher Sicht

Richard D. Phillips ist Vorsitzender des Lehrstuhls für Risikomanagement und Versicherung an der Georgia State University und Inhaber der C. V. Starr Professur für Risikomanagement und Versicherung. Er ist Mitherausgeber des Journal of Risk and Insurance, das Ende 2010 ein Sonderheft zum Thema Mikroversicherung veröffentlichen wird. Es enthält die Beiträge zur 5. Internationalen Mikroversicherungskonferenz in Dakar, Senegal.

1. Wie kamen Sie zur Mikroversicherung?

Ich befasse mich seit fast zwanzig Jahren mit Versicherungsmärkten, kam aber erst 2006 mit der Mikroversicherung in Berührung. Ich hielt damals vor Vertretern der chinesischen Versicherungsaufsicht einen Vortrag über die Umwandlung von Versicherungsvereinen auf Gegenseitigkeit in Aktiengesellschaften – ein ausgeprägter Trend in den späten 1990ern und frühen 2000ern in den USA und Europa. Den chinesischen Teilnehmern ging es darum, diesen Trend und seine Bedeutung für die Weiterentwicklung des eigenen Marktes zu verstehen. Im Rahmen meines Vortrags erörterte ich die versicherungsgeschichtliche Bedeutung von Versicherungsvereinen auf Gegenseitigkeit und Genossenschaften. Meine These war, dass sich die Geschichte wiederholen könnte – angesichts der aktuellen Bedeutung dieser Organisationsform für den sich entwickelnden Mikroversicherungsmarkt.

2. Wie würden Sie die bestehende Literatur zum Thema Mikroversicherung qualitativ einordnen?

Im Moment existieren speziell zum Thema Mikroversicherung nur sehr wenige wissenschaftliche Arbeiten. Die Mikroversicherung erscheint eher als Nebenthema in den Bereichen Entwicklungsökonomie oder öffentliche Gesundheit. Ein interessanter Forschungsstrang beschäftigt sich mit den informellen Mechanismen in Familien und Dörfern, um Risiken gemeinsam zu schultern – hiermit befassen sich überwiegend Soziologen und Anthropologen, Wirtschaftswissenschaftler nur zum Teil. Es gibt also wissenschaftliche Arbeiten hierzu, aber nur selten steht die Mikroversicherung im Zentrum.

Die Mikroversicherung wird überwiegend in Fallstudien oder Einzelberichten behandelt. Um genau zu verstehen, wie die Märkte funktionieren, und um der breiten Bevölkerung eine wirkungsvolle Absicherung in Form von Versicherung zu ermöglichen, brauchen wir eine zielgerichtete und langfristig ausgelegte Forschung. Deshalb freue ich mich sehr über die Partnerschaft zwischen den Organisatoren der 5. Mikroversicherungskonferenz und dem Journal of Risk and Insurance. Ich hoffe, dass es uns gemeinsam gelingt, Wissenschaftler und Praktiker aus der privaten Versicherungswirtschaft für das Thema zu sensibilisieren und wesentliche Zusammenhänge zu verdeutlichen, um für die Menschen etwas zu bewegen.

3. Gibt es Erfahrungen oder Schlussfolgerungen, die sich eventuell in größerem Maßstab übertragen lassen?

Viele Fragestellungen und Erkenntnisse in Bezug auf die Mikroversicherung sind mitunter auch für entwickelte Märkte relevant. So ist unter Umständen auch in Industrieländern die Versicherungsdichte in der Praxis niedriger als sie es theoretisch sein müsste. Ein Beispiel: warum entscheiden sich 45 Millionen Amerikaner, keine Krankenversicherung abzuschließen, obwohl sie in einem immerhin doch wettbewerbsorientierten Markt eigentlich die Möglichkeit dazu hätten? Wenn wir verstehen, warum die Armen in Indien nicht freiwillig eine Versicherung abschließen, verstehen wir vielleicht auch die Hintergründe in den USA und anderswo.

Um Erfahrungen in größerem Maßstab zu übertragen, hilft es uns vielleicht, den Vertrieb von Versicherungsprodukten genauer unter die Lupe zu nehmen. Ein großes Problem der Mikroversicherung ist die Frage, wie man Versicherungsschutz kostengünstig und wirkungsvoll vertreiben kann, wenn die Informationsbeschaffung bzw. -weitergabe schwierig ist. Wenn es einem Unternehmen gelingt, diese Hürde zu nehmen, sodass es profitabel arbeiten kann – könnte man dann nicht auch anderswo von diesen Erfahrungen profitieren?

4. Glauben Sie wirklich, dass man mit der Mikroversicherung die Armut verringern kann?

Ein klares Ja, zumindest in der Theorie. Die Armen sind Risiken schutzlos ausgeliefert und zudem besonders stark betroffen. Mathematisch betrachtet ist der Grenzzuwachs an Gesundheit und Sicherheit im übrigen besonders ausgeprägt, wenn das Haushaltseinkommen bei Geringverdienern ansteigt. Wir wissen auch, dass die informellen Möglichkeiten, die arme Bevölkerungsgruppen nutzen, um Risiken solidarisch zu tragen, bei weitem nicht so tragfähig sind wie ein gut funktionierendes Versicherungssystem. Das macht das große Potenzial und die Attraktivität der Mikroversicherung aus: wenn die Verbraucher über die Nachfrage einen Versicherungsmarkt schaffen und auch nutzen, ergeben sich für sie sehr reale und greifbare wirtschaftliche Vorteile.

Leider sind die Ergebnisse aus empirischen Untersuchungen über die Effekte von Kleinstversicherungen bislang nicht sonderlich aussagekräftig. Das überrascht natürlich nicht. Schließlich ist der Markt für Mikroversicherung erst im Entstehen. Es wird noch dauern, bis eine gewisse Marktreife erreicht ist. Es braucht auch seine Zeit, bis man die Wirkung der Versicherung messen und in Studien nachweisen kann, dass versicherte Haushalte tatsächlich besser dastehen. Wenn sich das Risiko eines Haushalts in einem Zehnjahresschaden ausdrückt, dauert es unter Umständen zehn Jahre, bis man den Wert der Versicherung eindeutig belegen kann. Wir brauchen also einen langen Atem. Die Wirtschaft muss das ihre tun, um den Markt für diese Zielgruppe in Gang zu bringen. Die Wissenschaft wiederum sollte die notwendige Infrastruktur zur Verfügung stellen, um eine kritische Bewertung der Märkte in ihrer weiteren Entwicklung zu ermöglichen.

5. Wo sehen Sie die Mikroversicherung in zehn Jahren?

Ich hoffe, dass die Geschichte sich wiederholt. Im 18. und 19. Jahrhundert wurden in den Gemeinden und Fabriken in ganz Europa und Nordamerika Tausende Versicherungssysteme erfolgreich entwickelt und umgesetzt. Heute würden wir diese Systeme Mikroversicherung nennen – es handelte sich um ein breites Spektrum genossenschaftlich organisierter Vereinigungen, die für die soziale Absicherung und Krankenversicherung ihrer Mitglieder sorgten. Diese genossenschaftlichen Strategien erwiesen sich im Lauf der Zeit als tragfähig und gewannen so das Vertrauen der Familien und Arbeiter. In der Folge schlossen sich die Vereinigungen zu größeren Gesellschaften zusammen, einige davon sind auch heute noch weltweit tätig. Eine zuverlässige Vorhersage ist leider nicht möglich, aber meiner Meinung nach stehen die Chancen für einen weltweit funktionierenden Markt für Kleinstversicherungen gut – es würde zu stabilerer Nachfrage, stärkerem Wachstum des Pro-Kopf-Einkommens und einem besseren Gesundheitsstatus der Bevölkerung führen. Die historischen Erfahrungen machen Mut: vor uns liegt eine gute Zukunft.

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