Juan Carlos Villagrán de León, Forscher am United Nations University Institute for Environment and Human Safety
Von rechts nach links: Ger Bergkamp, IUCN; Wolfgang Kron, Münchener Rück; Juan Carlos Villagrán de Léon, UNU-EHS ;Holger Hoff, PIK; Dirk Reinhard, Münchener Rück Stiftung

Seminar "Klima- und Wasserrisiken" im Rahmen der World Water Week 2006

Sind die Strategien zur Bewältigung von Klima- und Wasserrisiken gut genug?

Der anthropogene Klimawandel wird eine enorme Auswirkung auf den Wasserkreislauf und wasserbedingte Naturkatastrophen haben. Vier internationale Experten erörterten aus der Perspektive von Menschen, Umwelt und Wirtschaft, wie sich der Klimawandel auf wasserbedingte Risiken auswirken wird.

Hurrikane in den USA und der Karibik und Überschwemmungen in anderen Regionen der Welt (Indien, Rumänien, Alpen) verursachten 2005 Schäden in Rekordhöhe. Das Seminar stellte die Folgen von Wasser- und Klimarisiken für Menschen, Umwelt und Wirtschaft dar und gab einen Überblick über Strategien zur Bewältigung dieser Risiken, insbesondere in Entwicklungsländern. Folgende Fragen standen dabei im Mittelpunkt: Wie stark werden Häufigkeit und Intensität von Naturkatastrophen zunehmen? Welche Folgen hat das für die betroffenen Menschen und die volkswirtschaftlichen und versicherten Schäden?

Katastrophenhäufigkeit und Schäden nehmen zu
„2005 war eindeutig ein Rekordjahr“, so Wolfgang Kron, Leiter des Fachgebiets Hydrologische Risiken der GeoRisikoForschung der Münchener Rück, eines der größten Rückversicherer weltweit. Hurrikan Katrina und andere Katastrophen (unter anderem in Indien und Europa) haben gezeigt, wie verwundbar Mensch und Wirtschaft gegenüber dem zunehmenden Ausmaß von Naturkatastrophen wie Hurrikanen, Überschwemmungen oder Dürren sind. Katrina forderte etwa 1.500 Todesopfer und verursachte versicherte Schäden in Höhe von 60 Mrd. US-Dollar. Zum Vergleich: Bei den Überschwemmungen in China im Jahr 2005 wurden fast drei Millionen Menschen obdachlos, während die versicherten Schäden sehr gering waren. In den letzten zehn Jahren hat sich die Zahl der Überschwemmungen gegenüber dem Zeitraum 1960–1969 verdoppelt. Weltweit ereigneten sich 2005 etwa 169 Großschadenereignisse durch Überschwemmungen. Insgesamt haben die volkswirtschaftlichen und versicherten Schäden durch große wetterbedingte Naturkatastrophen zugenommen. Dies ist zum Teil auf die Zunahme der versicherten Werte und die gestiegene Bevölkerungsdichte in den gefährdeten Gebieten zurückzuführen. Aber auch der Klimawandel spielt eine entscheidende Rolle. „Wir müssen eine Kultur der Risikobewältigung schaffen“, forderte Wolfgang Kron. „Um das Risiko wirksam zu mindern, müssen die Behörden, die Industrie, die Versicherer und die betroffenen Menschen besser zusammenarbeiten.“

Anpassung ist notwendig
Naturkatastrophen, Klimawandel und Wasserrisiken gefährden die Sicherung der Nahrungsmittelversorgung, Gesundheit und wirtschaftliche Entwicklung und bedrohen damit auch die Millenniums-Entwicklungsziele der Vereinten Nationen. „Diese Risiken sind weltweit ungleich verteilt – sie konzentrieren sich in bestimmten Regionen“, erläuterte Holger Hoff vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung. Die Gefährdungsschwerpunkte, z. B. in Nordindien oder im subsaharischen Afrika, liegen meist in Entwicklungsländern. Die Treibhausgasemissionen stammen jedoch überwiegend aus Industrieländern. „Die Industrienationen müssen Verantwortung übernehmen und den Entwicklungsländern helfen, sich anzupassen“, so Hoff. Dabei ist es von entscheidender Bedeutung, die Klimaanpassung in das integrierte Management von Wasserressourcen einzubeziehen.

Armut erschwert langfristige Maßnahmen
Im Mittelpunkt des Vortrags von Juan Carlos Villagrán de León, tätig am Institut für Umwelt und menschliche Sicherheit der Universität der Vereinten Nationen, standen Strategien zur Katastrophenvorsorge in Mittelamerika. In der Vergangenheit führten wasserbedingte Naturkatastrophen in dieser Region immer wieder zu schweren Schäden und warfen ganze Länder in ihrer wirtschaftlichen Entwicklung um Jahre zurück. Dennoch fehlt bisher in vielen Fällen ein lokales Risikomanagement. Es zeigte sich, dass Armut die Möglichkeiten einschränkt, adäquate Risikomanagement-Strategien umzusetzen. „Jemand, der ums tägliche Überleben kämpft, lässt sich nur schwer für langfristige Maßnahmen gewinnen“, führte Villagrán de León aus. Daher ist es entscheidend, auf internationaler, nationaler und lokaler Basis zusammenzuarbeiten, um die erforderlichen finanziellen und technischen Mittel für die praktische Umsetzung von Risikomanagement-Programmen bereitzustellen, die auf die Lebenssituation vor Ort zugeschnitten sind. Dabei wirken Negativbeispiele („wie man es nicht macht“) oft anschaulicher als Hinweise auf richtiges Verhalten.

Umweltschutz dient Umwelt und Wirtschaft
Ger Bergkamp, Leiter des Wasserprogramms der Weltnaturschutzunion (IUCN) in Genf, erläuterte den Zusammenhang zwischen Ökosystemleistungen und menschlichem Wohlergehen. „Die volkswirtschaftlichen Schäden durch Naturkatastrophen in den 1990er Jahren hätten um 280 Mrd. US-Dollar niedriger sein können, wenn man 40 Mrd. US-Dollar in Vorsorgemaßnahmen und Ökosystemleistungen investiert hätte“, so Bergkamp. Die Ergebnisse des Millennium Ecosystem Assessment, einer internationalen Studie über die Ökosysteme der Welt, bestätigen diese Einschätzung. Demnach ist ein intaktes Feuchtgebiet doppelt so viel wert wie eines, das einer intensiven landwirtschaftlichen Nutzung zugeführt wird. Der Wert intakter Mangrovenwälder beträgt annähernd das Fünffache dessen, was sich durch den Betrieb von Shrimp-Farmen auf der gleichen Fläche erzielen ließe. Bergkamp schlug vor, Demonstrationsflächen zu schaffen, um nachzuweisen, wie wertvoll Ökosysteme für die Bekämpfung von Überschwemmungen, Dürren und Erdrutschen sind. Dadurch ließe sich das Vertrauen in den langfristigen Nutzen von Investitionen in Ökosystemleistungen erhöhen. „Jetzt ist die Zeit zu handeln“, mahnte Bergkamp abschließend.

Kernbotschaften
Nach den vier Vorträgen und einer sehr lebhaften Diskussion der über 120 teilnehmenden Experten wurde deutlich, dass die bisherigen Strategien zur Bewältigung von Klima- und Wasserrisiken angepasst werden müssen. Folgende Kernaussagen wurden formuliert:

–Das Risikobewusstsein spielt eine entscheidende Rolle. Wichtig ist aber auch, dass alle Beteiligten (die Gesellschaft, der einzelne Bürger, die Regierungen usw.) sich ihrer jeweiligen Verantwortung bewusst sind, damit die richtigen Strategien zur Anpassung an Klima- und Wasserrisiken angewendet werden.

–Die Gesellschaft muss über künftige langfristige Risiken des Klimawandels aufgeklärt werden, damit entsprechender politischer Druck entsteht. Außerdem müssen Zusammenhänge verdeutlicht werden, beispielsweise zwischen Maßnahmen am Ober- und Unterlauf von Gewässern. Es werden keine kurzfristigen, sondern langfristige Ziele benötigt.

–Einige Anpassungsstrategien werden bereits umgesetzt. Es muss aber noch mehr getan werden. Aus Investitionen in solche Strategien (z. B. Schutz von Ökosystemen) muss sich ein größerer lokaler Nutzen ergeben.

Fazit
„Klima- und Wasserrisiken spielen auf der „Wasseragenda“ der Wissenschaftler und Entscheidungsträger nach wie vor eine untergeordnete Rolle“, so Dirk Reinhard, stellvertretender Geschäftsführer der Münchener Rück Stiftung, der die Veranstaltung leitete. Die Auswirkungen werden von vielen Beteiligten, z. B. den lokalen Regierungen, immer noch unterschätzt und sind auch noch nicht bis ins Letzte geklärt. Um adäquate Strategien zur Risikobewältigung entwickeln zu können, muss sich jeder Einzelne seiner individuellen Verantwortung bewusst sein. Das bedeutet, dass der Einzelne bei der Reduzierung des Risikos eine wichtige Rolle spielt, die er aber nur erfüllen kann, wenn die erforderlichen finanziellen Ressourcen vorhanden sind.