Abschlußdiskussion der Veranstaltung
Über 150 Experten diskutieren Anpassungsstrategien

Weltwasserwoche 2007: Strategien für den Klimawandel

Der Klimawandel wird die Entwicklungsländer besonders hart treffen. Auf dem ersten Klima- und Wassertag, der am 15. August im Rahmen der Weltwasserwoche 2007 in Stockholm stattgefunden hat, diskutierten über 150 Experten Strategien, um diesen Ländern die Anpassung an die neuen Rahmenbedingungen zu erleichtern. 13 Organisationen, darunter die Klimarahmenkonvention der Vereinten Nationen (UNFCCC), die Europäische Kommission, das Bundesumweltministerium und die Münchener Rück Stiftung, hatten dazu rund 20 Referenten eingeladen.

Milliarden Menschen geraten unter Wasserstress
„Der Klimawandel ist bereits in vollem Gang“ ließ Prof. Zbigniew Kundzewicz in seinem Eröffnungsvortrag keinen Zweifel. Elf der zwölf vergangenen Jahre zählten zu den wärmsten seit Mitte des 19. Jahrhunderts, führte der Autor des Wasserkapitels im Klimabericht des Intergovernmental Panel on Climate Change (IPCC) aus. 2007 wird wahrscheinlich als ein weiteres, sehr warmes Jahr dazukommen.

Obwohl die Auswirkungen auf den globalen Wasserhaushalt nicht eindeutig sind, stimmen Wissenschaftler in ihren Einschätzungen für viele Regionen der Erde überein. So dürfte beispielsweise Indien im Jahresmittel mehr Niederschläge bekommen, die Mittelmeerregion weniger. Dennoch werden auch künftig in Indien einige Gebiete unter Trockenheit leiden, da sich die Niederschläge möglicherweise stärker konzentrieren und nicht dann fallen, wenn sie benötigt werden. Das Fazit von Kundzewicz fällt ernüchternd aus: Leiden heute bis zu 1,7 Milliarden Menschen unter sogenanntem Wasserstress – sie haben also deutlich weniger Wasser zur Verfügung als benötigt – werden Bevölkerungswachstum und Klimawandel diese Zahl auf bis zu 3,2 Milliarden anschwellen lassen. „Insgesamt werden die negativen Effekte auf den Wasserhaushalt überwiegen“, prognostizierte Kundzewicz.

Folgen auch für Industrieländer
Die wirtschaftlichen Folgen sind beträchtlich, nicht nur in den Entwicklungsländern: So erwarten Experten, dass in Spanien bis 2070 die Stromerzeugung aus Wasserkraft um ein Viertel sinken wird. Daniela Jacob vom Institut für Meteorologie in Hamburg stellte lokale Auswirkungen, insbesondere auf die Flüsse, in den Mittelpunkt ihrer Ausführungen. Insgesamt sei zu erwarten, dass die Abflüsse von Donau, Elbe und Rhein im Schnitt um fünf bis 20 Prozent zurückgingen. In einem heißen Sommer könnten sogar zwei Drittel weniger Wasser fließen - ein großes Problem für die Schifffahrt. Bryson Bates, Klimawissenschaftsleiter der Commonwealth Scientific and Industrial Research Organisation in Australien, forderte deshalb, die Folgen des Klimawandels verstärkt bei der Planung der Wasserversorgung einzubeziehen, auch wenn die Kosten dadurch erheblich stiegen. So hat die Stadt Perth für 375 Millionen Aus$ eine zweite Entsalzungsanlage gebaut, in Melbourne werde gar über eine Anlage diskutiert, die Milliarden kosten könnte.

Mangelnde Information hemmt Planungen
Obwohl frühes Handeln Kosten vermeidet, bereiten vielen Planern die unsicheren Vorhersagen Kopfzerbrechen, hat Casey Brown, Leiter des Wasserteams des International Research Institutes for Climate Prediction an der Columbia Universität in New York beobachtet. „Wasserbauingenieure denken statisch, das Klima wandelt sich aber dynamisch“, stellte er fest. Das unterstreicht die Notwendigkeit, Experten aus Wasserwirtschaft und Klimaforschung noch enger miteinander zu vernetzen. Henk van Schaik vom niederländischen Cooperative Programme on Water and Climate begrüßte, dass zumindest die ersten Schritte in diese Richtung erfolgt sind: „Auch wenn die Klimaexperten keine 100prozentigen Vorhersagen liefern, hat die Diskussion mit der Wasserwirtschaft wenigstens begonnen.“

Klimawandel noch zu wenig in Entwicklungsstrategien berücksichtigt
Bei der Umsetzung der Diskussionsergebnisse hake es allerdings noch, ergänzte sein Kollege Dr. Fulco Ludwig: „Kaum ein Entwicklungsplan berücksichtigt bislang die Auswirkungen von Klimaänderungen.“ In Ländern wie dem Tschad oder in Mosambik habe sich jedoch ein enger Zusammenhang zwischen Wirtschaftskraft und Niederschlägen gezeigt, insbesondere bei den Agrarprodukten. Zudem müssten die Verantwortlichen begreifen, dass in der Dürre nur überlebt, wer in niederschlagsreichen Phasen vorsorgt.

Auch Prof. Bogardi vom Insitut für Umwelt und Menschliche Sicherheit der Universität der Vereinten Nationen, Bonn, hob hervor, dass der Klimawandel in der Entwicklungshilfe immer noch vernachlässigt werde. „Besonders Afrika, gehört zu den verwundbarsten Regionen“, erklärte er. Untersuchungen der niederländischen Entwicklungshilfeorganisation DGIS hätten gezeigt, dass in einzelnen Ländern bis zur Hälfte der angelaufenen Projekte vom Klimawandel bedroht oder in ihrer Nachhaltigkeit gefährdet seien. „Solche Analysen dauern nicht lange und sind nicht teuer“ ergänzte Danielle Hirsch von der DGIS.

Für Johan Rockström vom Stockholm Environment Institute ist Wasser mit das wichtigste Thema, um die von den UN formulierten Millenniumsentwicklungsziele im Bereich Ernährung zu erreichen. Seine Forderungen:

_ Die Ressource Regenwasser verstärkt nutzen
Investitionen in kleine und größere Wasserversorgungssysteme kombinieren Kleinere Reservoire nahe den Quellen können mehr Wasser sammeln als ein großes, weit entferntes Reservoir
Durch Produktivitätssteigerungen den Wassereinsatz pro Outputeinheit senken
Risiken durch die Nutzung von lokal vorhandenem Wissen verringern.

Ungeklärte Finanzierung
Nach Einschätzung von Vahid Alavian von der Weltbank sind jährlich zehn bis 40 Milliarden USD notwendig, um Entwicklungsländern die Anpassung zu erleichtern. Dabei seien folgende Aspekte zu berücksichtigen:

Klimamanagement muss Teil der „Good Practice“ werden
Lokale Akteure sind vorrangig zu unterstützen
Kosten und Nutzen einzelner Maßnahmen müssen bewertet werden

Unklar ist, woher das Geld kommen soll, da der Klimawandel bislang kaum in den Finanzmitteln für Entwicklungshilfe berücksichtigt ist. Noch teurer wäre es jedoch, nichts zu tun. Dass Hilfe nicht immer viel kosten muss, beweisen die Projekte „Nebelnetze Eritrea“ und „Flutwarnsystem am Búzi“ in Mosambik, die die Münchener Rück Stiftung kofinanziert hat. „Der Schlüssel zum Erfolg liegt in der Einbindung der lokalen Bevölkerung, nicht unbedingt in der Höhe der Finanzmittel“, unterstrich Dirk Reinhard von der Münchener Rück Stiftung. „Gelder müssen zielgerichtet und orientiert an den Bedürfnissen und Fähigkeiten der Menschen vor Ort eingesetzt werden“.

Nachhaltigkeit der Projekte sicherstellen
In der Abschlussdiskussion, die Roberto Lenton vom International Research Institute on Climate and Society (New York) leitete, wurde noch einmal deutlich, dass der Klimawandel nicht nur den Wasserhaushalt beeinflusst, sondern weitreichende Folgen für wirtschaftliche Entwicklung und Armut hat. Künftige Strategien müssen deshalb unbedingt über das Jahr 2015, dem Zeitrahmen der Millenniumsentwicklungsziele, hinausreichen. Außerdem sollte sichergestellt sein, dass alle Projekte auch unter veränderten Klimabedingungen Bestand haben. Schließlich appellierten die Teilnehmer dafür, das Thema Klima und Wasser noch mehr in internationale Politik- und Wirtschaftsgipfel einzubringen.