
Energiewende und Klimaschutz –
Herausforderung und zugleich Chance für die deutsche Industrie?
Dialogforum in Kooperation mit acatech – Deutsche Akademie der Technikwissenschaften
19. November 2024, Munich Re, Saal Europe, Giselastraße 21, 80802 München
Lisa Nienhaus, Leiterin der SZ Wirtschaftsredaktion, moderierte and diesem Abend die Podiumsgäste.
„Der Kaiser ist nackt.“
Wir tun uns schwer, global wettbewerbsfähig zu bleiben, und auch bei der Klimaneutralität erreichen wir die Ziele nicht.
Mut und Konsequenz nötig
Es gibt keine Alternative zum Klimaschutz. Wir brauchen aber die richtigen Rahmenbedingungen, damit aus der Transformation auch ein Business Case wird.
Innovationsketten in Gefahr
Auch auf die Hoffnung, dass im Zuge der Transformation neue Industrien entstehen, sollte man besser nicht vertrauen, empfahl er. Denn dabei würden die vielfältigen Verflechtungen unterschätzt. „Zwei Drittel der energieintensiven Keramikindustrie hat nichts mit Tassen oder Tellern zu tun, sondern ist Hightech-Keramik, etwa für Medizintechnik, Flugzeugturbinen oder Energienetze. Wer auf die Keramikindustrie verzichtet, schneidet auch Innovationsketten ab“, so der Ökonom. Natürlich müsse man sich fragen, wie viele energieintensive Unternehmen Deutschland wirklich brauche. Dann müssten aber entsprechende Ersatzprodukte gefunden werden, die möglichst zur Qualifikationsstruktur der Menschen hierzulande passen.
„Ich halte akademische Planspiele für brandgefährlich und habe den Eindruck, dass in manchen Ökonomenkreisen geradezu eine Lust ausgebrochen ist, Deutschland vereinfacht als ein Unternehmen darzustellen“, entgegnete Wacker-Chef Hartel. Die Wirtschaft bestehe aus einer Vielzahl von Unternehmen. Es sei ein Trugschluss zu glauben, man könne diese eng verflochtenen Lieferketten, die über Jahrzehnte gewachsen seien und sich gegenseitig befruchtet hätten, einfach auflösen.
Dr. Christian Hartel, Vorstandsvorsitzender der Wacker Chemie AG, sprach am Beispiel von Silicium darüber, wie energieintensiv dessen Herstellung ist. Gleichzeitig wird der Rohstoff aber dringend für die Entwicklung klimafreundlicher Technologien, wie z.B. Photovoltaikanlagen, benötigt.
Kreative Lösungen gefragt
„Die Transformation ist ein Kraftakt, deshalb sehe ich hier auch die Politik in der Pflicht, zum Beispiel mit einem speziellen Industriestrompreis.“ Sie müsse die Industrie für eine gewisse Zeit unterstützen, bis man, so Hartels Szenario, in den 2030er Jahren im Verbund mit Europa und dem Ausbau der erneuerbaren Energien wieder günstigere Strompreise habe. Auch wenn Deutschland bei der Erzeugung erneuerbarer Energien einen komparativen Nachteil habe, sei dies kein Grund, das bisher Erreichte aufzugeben und an günstigere Standorte abzuwandern. Vielmehr müsse an Konzepten gearbeitet werden, um die Wettbewerbsfähigkeit unter den hiesigen Bedingungen zu erhalten. „Ich vermisse in der Diskussion ein wenig die Kreativität, wie wir die neue Phase erfolgreich gestalten können“, kritisierte er.
„Der gescheiterte Industriestrompreis ist für mich das industriepolitische Pflaster, das ich auf die Symptome klebe, ohne die Ursachen zu bekämpfen“, entgegnete acatech Vizepräsident Schmidt. Er geht davon aus, dass der Strompreis relativ hoch bleiben wird, das sei auch die vorherrschende Meinung auf den Finanzmärkten. Der Fehler sei gewesen, einen Ausstieg ohne Einstieg zu planen, so dass Deutschland weiter auf Energieimporte angewiesen sein werde.
Auch die Hoffnung auf Wasserstoff als Energieträger der Zukunft sollte nicht überbewertet werden. „Es ist eines der am meisten gehypten Themen, das in naher Zukunft nicht zur Lösung der Probleme beitragen wird“, so Hartels Einschätzung. Die Bepreisung von CO2 sei in den kommenden Jahren viel wichtiger, um einen Beitrag zu den Klimazielen zu leisten. „Wasserstoff ist ein schönes Beispiel dafür, was man falsch machen kann“, ergänzte Russwurm. Denn in der EU sei nur jener Wasserstoff erwünscht, der mit grüner Energie erzeugt wird, anstatt übergangsweise auch Wasserstoff aus anderen Energiequellen zu fördern. Das wäre so, als würde man Elektroautos nur dann zulassen, wenn sie mit Strom aus der eigenen Solarzelle aufgeladen werden. Am Ende, so Russwurm, blieben Investitionen in Wasserstoffprojekte aus, weil sie sich nicht lohnten. Hinzu komme die schwerfällige Bürokratie als generelles Hindernis für Infrastrukturprojekte: "Wir schaffen es nicht, weil uns die Komplexität die Hände bindet.“
Der Staat kann nicht durchregieren
Wir müssen damit umgehen, dass individuelle Akteure unsere Gesellschaft bestimmen und ihre Entscheidungen treffen. In deren Lebenswirklichkeit und nicht im Willen und der Vorstellung müssen wir die Transformation gemeinsam schaffen.
Videoaufnahme des Dialogforums (Podiumsdiskussion)
Podiumsgäste
Dr. Christian Hartel
Vorsitzender des Vorstands, Wacker Chemie AG
Prof. Dr.-Ing. Siegfried Russwurm
Präsident, Bundesverband der Deutschen Industrie e.V. / acatech Präsidium
Prof. Dr. Christoph M. Schmidt
Präsident, RWI-Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung / acatech Vizepräsident
Moderation:
Lisa Nienhaus, Leiterin der Wirtschaftsredaktion der Süddeutschen Zeitung
