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Kühle Köpfe, gesundes Lernen:
Wie werden Schulen hitzeresilient?
Dialogforum in Kooperation mit Munich Science Communication Lab und KLUG – Deutsche Allianz Klimawandel und Gesundheit
30. Juni 2026 | 20:00 Uhr | München
Extreme Hitze wie zuletzt im Juni 2026 wird künftig wohl häufiger auftreten. Hohe Temperaturen machen nicht nur träge und unproduktiv, sie bergen auch Gesundheitsrisiken. Wie können wir Klassenzimmer und den Schulalltag so gestalten, dass die Gesundheit und Leistungsfähigkeit von Schüler:innen und Lehrkräften erhalten bleiben? Die Expert:innen des Dialogforums diskutierten Lösungsmöglichkeiten, um Schulen auf Hitzewellen vorzubereiten.
Schulen sind ganz besondere Räume. Sie sind der Ort, an dem Kinder und Jugendliche ihre Persönlichkeit entwickeln, an dem sie die Welt entdecken und auf das Leben vorbereitet werden, wie Harald Lesch, Professor für Astrophysik an der Münchener Ludwig-Maximilians-Universität, verdeutlichte. „Schulen sind politische Akteure, ohne dass sie dazu ausgerufen werden. Denn alles was wir sprachlich verhandeln in unserer Gesellschaft ist politisch“, zitierte er sinngemäß die Philosophin Hannah Arendt.
Wir müssen die Schulen hitzeresilient machen. Weil wir Verantwortung für Schüler:innen und Lehrer:innen tragen, ist Kühle angesagt.
Verantwortung für Schüler:innen und Lehrkräfte
Wenn Schulen ihre gesellschaftliche Funktion erfüllen sollen, so Lesch weiter, müssen wir sie in die Lage versetzen, dass sie ihre Arbeit auch leisten können. „Wir müssen uns damit abfinden, dass wir uns durch den Klimawandel in einer absolut einmaligen Situation befinden“, machte er deutlich. Bei zunehmender Hitze könne man nicht mehr richtig denken, reagiere falsch und gerate körperlich schneller an seine Grenzen. Deshalb forderte er: „Wir müssen die Schulen hitzeresilient machen. Weil wir Verantwortung für Schüler:innen und Lehrer:innen tragen, ist Kühle angesagt.“
Wir wissen, dass Kinder und Jugendliche ein achtfach höheres Risiko für akute Hitzeerkrankungen wie Erschöpfung oder Kollaps haben als Erwachsene.
Erschwerend kommt hinzu, dass Kinder im Alter von sechs bis 14 Jahren ihre Körpertemperatur noch nicht richtig regulieren können, wie der Kinder- und Jugendarzt Dr. Christof Wettach erläuterte. Wenn die Körperkerntemperatur zu stark ansteige, verändere sich das Eiweiß im Körper und es entstünden Schäden. „Kinder haben zudem ein größeres Risiko für Sonnenstich und Sonnenbrand. Deshalb müssen wir auch die Schulhöfe hitzeresilient machen“, sagte er. Besondere Vorsicht sei bei chronisch kranken Kindern geboten. Die optimale Lerntemperatur liegt laut Wettach bei 20 bis 23 Grad. Ab 26 Grad nehme die Konzentrationsfähigkeit signifikant ab. „Bei über 30 Grad sinkt die körperliche Leistungsfähigkeit auf 50 Prozent“, machte er deutlich. Dr. Gerald Quitterer, Präsident der Landesärztekammer Bayern und Hausarzt, ergänzte: „Wir wissen, dass Kinder und Jugendliche ein achtfach höheres Risiko für akute Hitzeerkrankungen wie Erschöpfung oder Kollaps haben als Erwachsene.“
Wie sich die zunehmende Hitze konkret auf den Schulalltag auswirkt, schilderte Chiara Matthies, Schülerin und Schülersprecherin: „Die Temperaturen spürt man in Prüfungssituationen. Man spürt, wenn die Konzentration nach unten geht und man keine Aufnahmebereitschaft mehr hat.“ Ihre Erfahrungen verdeutlichen, dass hohe Temperaturen nicht nur ein Gesundheitsrisiko darstellen, sondern sich unmittelbar auf Lern- und Leistungssituationen auswirken.
Die Temperaturen spürt man in Prüfungssituationen. Man spürt, wenn die Konzentration nach unten geht und man keine Aufnahmebereitschaft mehr hat.
Kurzfristige und langfristige Maßnahmen
Wie Schulen sich hitzeresilienter gestalten lassen, erläuterte Ines Heinz, Lehrerin und Initiatorin der Arbeitsgruppe zur Erstellung von Hitzeschutzplänen an Schulen. „Es gibt vier Haupthandlungsfelder. Wenn man diese wie ein Puzzle zusammenführt, dann hoffe ich sind wir auf dem richtigen Weg.“ Zunächst gehe es darum, die Schulgemeinschaft, also Kollegium, Schüler:innen, Eltern und Verantwortliche zu informieren und zu sensibilisieren, welche Probleme die zunehmende Hitze verursache. Anschließend müssten innerhalb der Gruppen Zuständigkeiten und Ansprechpartner festgelegt werden. Sind diese Fragestellungen geklärt, könne man in Aktion treten, wobei eine enge Verzahnung zwischen Schulgemeinschaft und Sachaufwandsträger nötig sei. Parallel dazu müsse man langfristige Maßnahmen in Angriff nehmen wie den Hitzeschutz an Gebäuden oder die Flächenentsiegelung in den Schulhöfen. „Das ist vielleicht der schwierigste Bereich, der die meisten Akteur:innen erfordert“, erläuterte sie. Denn bei diesen großen und strukturellen Maßnahmen sei der Einfluss der Schulgemeinschaft viel geringer. Sie appellierte an alle Kolleg:innen, den Schüler:innen das Gefühl zu geben, dass sie gesehen und gehört und nicht allein gelassen werden. „Schon kleine Schritte sind für die Schulgemeinschaft unfassbar wichtig.“
Schon kleine Schritte sind für die Schulgemeinschaft unfassbar wichtig.
„Gefühlte Temperatur“ entscheidend
Einen konkreten Plan für hitzeresiliente Schulen stellte Dr. Eva-Franziska Matthies-Wiesler vor. Sie ist Senior Researcher am Forschungsnetzwerk Helmholtz Munich. Der Musterhitzeschutzplan für Schulen beruht auf zwei Säulen, auf die sich auch schon Ines Heinz bezogen hat. Neben der Zusammenarbeit der Schulfamilie bei organisatorischen und verhaltensorientierten Hitzeschutzmaßnahmen sind strukturelle und bauliche Maßnahmen nötig, um die Hitzeresilienz zu verbessern. Dabei müsse man einen ausreichenden zeitlichen Vorlauf beachten. „Die einzelnen Maßnahmen beginnen bereits im September, damit man für den nächsten Sommer vorbereitet ist und sie bei Hitzeperioden wie zuletzt aus dem Hut zaubern kann“, sagte sie. Entscheidend für das Auslösen von Hitzeschutz sei das Frühwarnsystem des Deutschen Wetterdienstes mit seinen unterschiedlichen Warnstufen. Dieses berücksichtigt verschiedene Faktoren, die die sogenannte gefühlte Temperatur beeinflussen. Für die Hitzeresilienz ist aber auch die Temperatur in der Schule selbst wichtig, die von der Außentemperatur abweichen kann.
Die hitzeresiliente Schule muss zum Standard werden.
Hier kommt die 26-30-35-Ampel der Arbeitsstättenverordnung ins Spiel. Demnach gilt ein Raum ohne Spezialschutz als ungeeignet für Arbeit und Lernen, wenn die Temperatur über 35 Grad steigt. Bei mehr als 30 Grad sind Maßnahmen wie Kurzstunden, Trinkpausen oder technische Kühlung nötig. „Bereits ab 26 Grad werden Jalousien oder frühes Lüften empfohlen“, erläuterte sie. Im Rahmen des Hitzeschutzplans könne Helmholtz Munich interessierten Schulen eine Begleitstruktur mit Schulungen, Praxisbeispielen und Infomaterial anbieten. „Die hitzeresiliente Schule muss zum Standard werden. Wir sind bereit, wenn die Schulen starten wollen. Ich hoffe, dass der Plan viel genutzt wird“, sagte sie.
Bei über 30 Grad sinkt die körperliche Leistungsfähigkeit auf 50 Prozent.
Italien und Frankreich als Vorbilder?
Bis es soweit ist, bietet Unterricht im Freien eine Möglichkeit, den Hitzestress zu mindern. Ein Blick über die Landesgrenzen ist ebenfalls hilfreich. „Frankreich investiert bereits viel Geld, um Schulen hitzeresilient zu machen, und hat organisatorische und Verhaltensmaßnahmen für Hitze ausgearbeitet“, führte Matthies-Wiesler aus. In Italien wiederum würden von Mitte Juni bis Mitte September Ferien gemacht. „Da heulen dann nicht die Kinder und die Lehrer:innen, sondern die Eltern“, gab sie zu bedenken.
In puncto Sport forderte Kinder- und Jugendarzt Wettach ein Umdenken. Kinder brauchen Bewegung. Man müsse aber die Gewohnheiten ändern, Sport auf die Morgenstunden verlegen und zwischen 11 und 15 Uhr keinen Leistungssport betreiben. Auch die Bundesjugendspiele sollten nicht von Mai bis Oktober stattfinden. „Hitzschlag ist viel gefährlicher als Blitzschlag“, formulierte er es drastisch.
Dr. Cecilia Scorza-Lesch, Initiatorin von „Klimawandel verstehen und Handeln“ an der LMU München, ermutigte in der Publikumsdiskussion dazu, trotz der Herausforderungen der Klimakrise ins Handeln zu kommen.
Wir müssen davon ausgehen, dass Hitzeperioden in den kommenden Jahren früher einsetzen und länger andauern werden. Die Gesellschaft ist es den Kindern schuldig, darauf zu reagieren und die Schulen hitzeresilient zu gestalten. Klar ist aber auch, dass Hitzeschutzpläne allein nicht ausreichen. Nur wenn alle Akteur:innen an einem Strang ziehen und die Maßnahmen auf die jeweilige Situation vor Ort zugeschnitten sind, stehen die Chancen gut, dass die Kinder und Jugendlichen auch künftig mit kühlem Kopf gesund lernen können.
Video des Dialogforums
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Panel
Impulsvortrag:
Prof. Dr. Harald Lesch
Professor für Astrophysik an der Ludwig-Maximilians-Universität
Podiumsdiskussion:
Dr. med. Christof Wettach
Kinder- und Jugendarzt, Co-Leiter der AG "Pädiatrie" bei KLUG - Deutsche Allianz Klimawandel und Gesundheit e.V., Leiter der AG "Klimawandel und Gesundheit" der Kommunalen Gesundheitskonferenz Ortenau, Sprecher des Ausschusses Kindergesundheit und Klimawandel des BVKJ e.V. (Bundesverband der Kinder- und Jugendärzt:innen)
Dr. Eva-Franziska Matthies-Wiesler
Senior Researcher, Helmholtz Munich
Ines Heinz
Initiatorin der Arbeitsgruppe zur Erstellung von Hitzeschutzplänen an Schulen
Chiara Matthies
Schülerin und Schulsprecherin
Dr. med. Gerald Quitterer
Präsident der Landesärztekammer Bayern und Hausarzt
Moderation:
Dr. med. Martin Herrmann
Vorsitzender, KLUG - Deutsche Allianz Klimawandel und Gesundheit e.V.
