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Kernenergie für den Klimaschutz?
Zukunftsvision oder Fehlinvestition?
Dialogforum in Kooperation mit der Katholischen Akademie in Bayern
29. Oktober 2026 I München
Die Diskussion um Kernenergie polarisiert. Der nahezu CO₂-freien Stromerzeugung stehen Sicherheitsrisiken, hohe Kosten und die ungelöste Endlagerung radioaktiver Abfälle gegenüber. Kann Kernkraft dazu beitragen, Versorgungssicherheit und die dringend nötige Abkehr von fossilen Brennstoffen in Einklang zu bringen, solange erneuerbare Energien die entstehende Lücke nicht zuverlässig schließen können? Diese Frage diskutierte das Panel des Dialogforum kontrovers.
Deutschland im Jahr 2026: Wenn die Sonne scheint und der Wind weht, produzieren die erneuerbaren Energien zeitweise mehr Strom, als im Land verbraucht werden kann. In Zeiten einer Dunkelflaute hingegen fällt die Stromerzeugung aus Wind- und Solarenergie deutlich geringer aus. „Windflauten herrschen teilweise über Wochen, das kann man mit Batteriespeichern nicht überbrücken“, sagte Prof. Dr. Winfried Petry, ehemaliger Wissenschaftlicher Direktor des Forschungsreaktors München 2 an der Technischen Universität München. Zeitweise würden erneuerbare Energien nur 15 Prozent des Strombedarfs decken. Weil dann Kohle und Gas einspringen müssten, sei trotz hoher Investitionen in Wind- und Solarenergie der Ausstoß von CO₂-Äquivalenten bei der deutschen Stromerzeugung über die Jahre von etwa 600 auf 400 Gramm pro Kilowattstunde gesunken.
Kernenergie als Ergänzung zu erneuerbaren Energien
Deutschland sei mit seinem Verzicht auf Kernkraft in Europa weitgehend isoliert, argumentierte Petry. Viele andere Länder setzen auf eine Kombination aus erneuerbaren Energien und Kernenergie, vor allem in Form von konventionellen Kernkraftwerken. Künftig könnten nach seiner Einschätzung auch neue Kerntechnologien wie Schnelle Brüter, Small Modular Reactors (SMR) oder sogar Kernfusion zum Einsatz kommen. „Damit könnte man die Energieversorgung frei von Treibhausgasen, wirtschaftlich und effizient gestalten.“
Allerdings räumte Petry ein, sei damit frühestens 2040 zu rechnen. Zudem sei der Neubau von Kernkraftwerken teuer und mit höheren Systemkosten verbunden. Eine vollständige Versorgung mit erneuerbaren Energien würde die Kosten seiner Einschätzung nach allerdings noch stärker erhöhen. „Ich sehe Kernenergie als Komplement zu den Erneuerbaren“, lautete sein Fazit. Bis neue Kernkraftwerke ans Netz gingen, seien nach Petrys Einschätzung weiterhin Gaskraftwerke erforderlich. Mit Blick auf das Zieljahr 2045 sagte Petry: „Wir werden bis 2045 nicht CO₂-frei sein, es sei denn zu extrem hohen Kosten.“
Ich sehe Kernenergie als Komplement zu den Erneuerbaren
„Neue Reaktoren kommen zu spät“
Den Gegenpol dazu vertrat Dr. Alexander Roth, der sich als Affiliate Fellow beim Brüsseler Think Tank Bruegel mit der Zukunftsfähigkeit der Kernenergie im europäischen Kontext befasst. Sein Haupteinwand: „Kernkraft ist zwar CO₂-arm, aber neue Reaktoren kommen zu spät, um nennenswert zum Erreichen der EU-Klimaziele beizutragen.“ Hinzu kämen geopolitische Spannungen, die zusätzliche Sicherheitsrisiken für Kernkraftwerke mit sich brächten. Auch der Klimawandel könne dazu führen, dass Anlagen wegen Hitze oder Wassermangels künftig häufiger abgeschaltet werden müssten. Bei seiner Betrachtung der Kosten konzentrierte sich Roth auf konventionelle Kernkraftwerke, da für neuere Technologien keine ausreichende Datengrundlage vorliege und die Kalkulation noch stärker von den jeweiligen Annahmen abhänge.
Bei konventionellen Kernkraftwerken müssten neben den Baukosten auch Zinsen, Bauzeiten und die künftige Auslastung in die Systemkosten einbezogen werden. Die Studienlage sei nicht eindeutig: „Manche Studien zeigen, dass die Systemkosten durch Atomkraft steigen, andere, dass sie sinken oder gleich bleiben. Es ist also schwierig, hier eine seriöse Aussage zu treffen“, merkte er an. Anders als erneuerbare Energien sei Kernkraft aufgrund der langen Bauzeiten wenig flexibel. Sein Fazit: „Aus aktueller Perspektive können Kernkraftwerke die Kosten der Energiegewinnung nicht substanziell senken und keinen nennenswerten Beitrag zum Klimaschutz leisten.“
Neue Reaktoren kommen zu spät, um nennenswert zum Erreichen der EU-Klimaziele beizutragen
Kernenergie angesichts des Klimawandels ethisch vertretbar?
Können ethische Erwägungen bei der Frage weiterhelfen, ob Deutschland wieder auf Kernenergie setzen sollte, um den Klimawandel zu bremsen? Das sei eine komplexe Frage, räumte Dr. Markus Vogt, Professor für Christliche Sozialethik an der Ludwig-Maximilians-Universität in München ein. Seit Jahrzehnten werde in Deutschland besonders kontrovers über die ethische Bewertung der Kernenergie gestritten. „Der Klimawandel ist das größere Risiko, er geschieht jetzt und ist nicht potenziell. Wenn der Ausstieg aus der Kernenergie dazu führt, dass wir das vermehrt durch fossile Brennstoffe kompensieren, halte ich das für ethisch nicht tragfähig“, erklärte er. Das sei allerdings nicht mehr die aktuelle Situation, da Deutschland seine Kernkraftwerke bereits abgeschaltet habe. Letztlich könne auch die Ethik keine eindeutige Antwort geben. Es gehe vielmehr darum, welchen Stellenwert eine Güterabwägung im Vergleich zu einem kategorischen Nein habe.
Einen pragmatischen Ansatz vertrat Dr. Alexander Wimmers, Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Volkswirtschaftslehre und Wirtschaftsrecht an der TU Berlin. „Die Frage ist nicht einfach mit einem Ja oder Nein zu beantworten, es ist eine Frage der Priorisierung. Was ist in Zeiten von begrenzten Budgets und angesichts des fortschreitenden Klimawandels die effektivste und die effizienteste Möglichkeit, um unser Energiesystem zu dekarbonisieren?“ Man müsse mit den Möglichkeiten agieren, die heute zur Verfügung stünden, was auf erneuerbare Energien und Speichertechnologien hinauslaufe. „Wenn wir morgen entscheiden, ein Kernkraftwerk zu bauen, ist das vielleicht in 20 Jahren am Netz“, umriss er die Problematik und ergänzte: „Ich komme aus dem Fachgebiet Wirtschaft und Infrastrukturpolitik. Ich finde, wir sollten Wirtschaftspolitik für das 21. Jahrhundert und nicht für das 20. Jahrhundert betreiben.“
Wir sollten Wirtschaftspolitik für das 21. Jahrhundert und nicht für das 20. Jahrhundert betreiben
Mehr Grundlast oder weniger Lastspitzen?
„Wir haben die Speicher nicht, seien wir realistisch“, hielt Petry dagegen. „Wir brauchen Grundlast. Batterien reichen nicht über Wochen, und Speicher mit Wasserstoff sind sehr teuer.“ Wimmers entgegnete: „Ich bin nicht der Meinung, dass wir Grundlast brauchen, sondern wir brauchen regelbare Alternativen oder Möglichkeiten, um die Lastspitzen abzudecken. Dafür sind Grundlastkraftwerke per Definition nicht geeignet.“ Wirksame Hebel dazu seien etwa die Reduzierung der Netzentgelte für Stromspeicher oder Maßnahmen zur Steigerung der Energieeffizienz. Auch Nachfragemanagement, also das Steuern großer Verbraucher wie Waschmaschinen, wenn viel Strom zur Verfügung steht, sei eine gute Möglichkeit. „Idealerweise reduzieren wir möglichst die Lastspitzen und fahren dann in wenigen Stunden im Jahr Gaskraftwerke, die dann vielleicht mit Wasserstoff gespeist werden.“
Die ungelöste Frage der Endlagerung
Eine andere Frage betrifft den Rückbau von Kernkraftwerken, der Jahrzehnte dauern kann. „Damit hat sich fast niemand ernsthaft befasst“, kritisierte Wimmers. Das erschwere die Bewertung der Gesamtkosten ebenso wie die bislang nicht verlässlich abschätzbaren Kosten für Zwischen- und Endlagerung. Petry kritisierte dagegen die Entscheidung, den Standort Gorleben aufzugeben und nun nach dem bestmöglichen Endlager in Deutschland zu suchen. Dieser Ansatz sei falsch. Es brauche ein sicheres, nicht aber das bestmögliche Endlager, argumentierte er, denn niemand könne wissen, wie die Welt in einer Million Jahren aussehe.
Kein Wein in alten Schläuchen
Auf eine eindeutige Antwort, ob Kernenergie für den Klimaschutz eine Zukunftsvision oder Fehlinvestition ist, konnten sich die Experten des Dialogforums nicht verständigen. Weitgehend einig waren sie sich jedoch darin, dass weitere Investitionen in erneuerbare Energien notwendig sind und die Forschung weiter vorangetrieben werden muss. Sie soll zeigen, ob technologische Fortschritte zu einer sicheren, bezahlbaren und klimaverträglichen Stromversorgung beitragen können. „Aber, um es biblisch zu sagen, kein Wein in alten Schläuchen“, forderte Vogt. „Wir brauchen zugleich einen Strukturwandel hin zu eher dezentraler Versorgung und sollten das mit einem Geschäftsfeld des Sparens und der Effizienz zu koppeln.“
Das Votum des Publikums fiel hingegen eindeutig aus. Fast drei Viertel stimmten am Ende der Aussage zu, Kernenergie für den Klimaschutz sei eine Fehlinvestition. Lediglich 17 Prozent trauten ihr eine Zukunftsvision zu, der Rest war unentschieden. Wenn das auch das Stimmungsbild in der breiten Bevölkerung ist, wird es eine Renaissance der Kernkraft in Deutschland wohl nicht geben.
Podiumsgäste
Prof. Dr. Winfried Petry
Physiker, ehem. Wissenschaftlicher Direktor des Forschungsreaktors (FRM II) der Technischen Universität München
Dr. Alexander Roth
Affiliate Fellow, Think Tank Bruegel, Brüssel
Prof. Dr. Markus Vogt
Professor für Christliche Sozialethik an der Ludwig-Maximilians-Universität, München
Dr. Alexander Wimmers
Wissenschaftlicher Mitarbeiter, Inst. Volkswirtschaftslehre und Wirtschaftsrecht, Fachgebiet für Wirtschafts- und Infrastrukturpolitik, TU Berlin
Moderation:
Dr. Martin Dabrowski
Studienleiter für Wirtschaft, Sozialethik und Medien, Katholische Akademie in Bayern, München
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